Bei meiner Arbeit (meistens als Lehrer der Rhetorik und Dialektik) begegne ich einigen Frauen und Männern, jeden Alters, Standes, Berufs, Kranke wie Gesunde, Erfolgreiche wie Strebende, Müde wie Muntere, Begehrende… Die meisten wollen etwas haben, nur wenige wollen lernen. Bei den Antworten nach dem Warum nennen sie die „abenteuerlichsten“ Gründe, Rechtfertigungen, Ausreden. Nach einiger Zeit des Zuhören stelle ich dann die Frage: „Wir sind Sie? Dann erzählen sie mir ihr Leben, geben sich ungeheure Mühe, alles genau und richtig zu beschreiben, korrigieren sich sofort, wenn sie finden, dass dieses oder jenes ein ungeeigneter Versuch der Selbstdarstellung sein könnte oder weil sie glauben, sie könnten dabei nicht mit Gewissenhaftigkeit, Genauigkeit oder Aufrichtigkeit vorgegangen zu sein. Doch sie sagen nichts über sich. Sagen nichts darüber wer sie sind. Sagen nichts über ihre Gefühle, Empfindungen, Täuschungen.

Ein anderes Beispiel: Stellen Sie sich vor Sie sind unglücklicherweise von einem Kreuzfahrtschiff ins Meer gefallen. Das Glück ist mit Ihnen. Nach tagelangen umhertreiben im Wasser landen sie an einem einsamen Strand, steigen aus dem Meer, ganz nackt, nichts was Sie erkennbar macht, keine Kleidung, kein Ausweis, kein Titel, keine Rolle, keine Maske. Nichts. Menschen kommen auf Sie zu und fragen Sie: Wer bist Du? Was sagen Sie den Menschen? Wer bin ich? Was ist mein ICH? Was ist mein SELBST?

Antworten zu finden ist schwer. Für alle Erwachsenen. Von denen schreibe ich hier. Nicht von Menschen in akuten Krisensituationen, nicht von Gebrechlichen, oder Kranken, Behinderten, Kinder oder Jugendlichen. Sie alle leben mehr oder weniger wohlbehalten in Abhängigkeiten.

Nur Erwachsen können die Frage beantworten: Wer bin ich?

Erwachsen sein heißt unter anderem: sich den bevorstehenden Herausforderungen zu stellen, zwischen all den verschiedenen sich bietenden Optionen selbst zu entscheiden, zu jedem Zeitpunkt so zu reagieren, dass es sich dabei um unsere eigene Art und Weise handelt und nicht um eine von irgendwoher übernommene. Die meisten Erwachsenen haben noch nicht einmal ihr ICH verwirklicht. Sie mussten vor sich selbst und anderen ein anderer sein. Sie können es gar nicht kennen. Geschweige denn ihr SELBST. Da alles was lebt auf Überleben ausgerichtet ist, hat die Natur für einen Ausgleich gesorgt. Dieser Ausgleich heißt Egozentrik. Die meisten Menschen leben aus ihrem Ego heraus. Das Ego, statt nicht erlebte ICH-Realität – hungert nach Macht. Jedes „ich will“ ist ein Ausdruck dieses Machtanspruchs. So bläht sich das Ego als vermeintliches ICH immer größer auf und versteht es, in immer neuen Verkleidungen aufzutreten. Diese Verkleidungen heißen Kaschierungen, Imponiergehabe und Fassadentechniken. Diese „Verkleidungen“ sind wir aber nicht und so lebt das Ego von der Abgrenzung und hat Angst vor der Hingabe, vor der Liebe, vor dem DU, vor dem Selbst. Es fehlt der Daseins-Sinn. Denn wer keinen Mut hat zum Träumen, der hat keine Kraft zum Kämpfen.

Selbsterkenntnis heißt nicht lapidar das SELBST zu finden, sondern vielmehr sich selbst zu spüren, eben einen Sinn für das persönliche Dasein zu bekommen. Etwas anschauen ist die große Zauberformel auf dem Weg der Selbsterkenntnis. In den persönlichkeitsbildenden Seminaren sind es die Videoanalysen, die dabei hilfreich sind. Das Anschauen bringt Licht in das Dunkel des Ich’s, in die Verwirrung des Änderns. Immer wieder möchten Menschen etwas ändern und begreifen daher schwer, wie wesentlich die Fähigkeit des Anschauens ist. Alles anschauen zu können und erkennen zu können, dass es gut ist, wie es ist, ist das höchste Ziel des Menschen, im Sinne von Erleuchtung oder Weisheit. Das ist Selbsterkenntnis, das ist Daseins-Sinn.

Sind wir der, der die anderen meinen, der wir sind? Sind wir der, der wir glauben nach einen von uns oder anderen irgendwie gestalteten Selbstkonzept, also eher einem Märchen von uns, zu sein?

Und wenn ja, wäre es nicht schrecklich oder zumindest alle unsere Arbeit an der Selbsterkenntnis von vornherein ad absurdum geführt?

„Wir strahlen das aus, was wir tief in uns tragen!“

Dennoch besteht bei den meisten Menschen eine (meist) erhebliche Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild. Und um diese zu verringern, wären Informationen über die Wirkung unseres Verhaltens wesentlich. Wirklich?

Anscheinend, denn „Feedback“ ist üblich, modisch, findet sich in den unterschiedlichsten Methoden und Bezeichnungen wieder. Nur, können wir wirklich etwas damit anfangen? Und wenn ja, was? „Feedback“ hat einen festen Platz in unserer Lebenswelt gefunden zur Erklärung sozialer Beziehungen. Es soll den Wert des Verständnisses innerhalb eines bestimmten sozialen Status erklären können und dadurch helfen erwünschte Kommunikationsformen zu verwenden und sprachliche Änderungsprozesse leichter umsetzen. Besonders in konfliktbesetzten Interaktionen. Ist das im realen interaktiven Zusammenleben von Menschen wirklich möglich? Nun eher nicht, denn solange es Menschen auf dieser Erde gibt, gibt es auch Vorstellungen von dem Menschen. Menschenbilder eben. Das heißt: Ich kann meist nur das in und an einem Menschen sehen, was meiner „Welt“ entspricht. Feedback sagt also nur etwas über mich selbst aus und (fast) niemals über den, dem ich ein Feedback gebe.

Bin ich der, der ich glaube, der ich bin?

Die meisten Menschen leben aus ihrem Ego heraus. Wissen aber nicht wer sie sind. Das Ego entscheidet und verwirklicht einen Pol, z.B. ich bin gut, besser…, und schiebt den anderen Pol, unseren Schatten, der ja eigentlich zu uns gehört, auf das Außen. Die Bösen sind immer die anderen. Der Mensch kann nur in seinem Bewusstsein lernen, reifen, erleben und erfahren. Jeder Wahrnehmung- und Verarbeitungsprozess geschieht innerhalb dessen. Wenn eine Erkenntnis zutrifft, macht sie betroffen. Du weißt was Du machst und machst es mit Stolz. So erhält die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit einen neuen Impuls, eine neue Intension. Das Bild des Menschen wird klarer. Es ist also nicht sinnvoll Antworten auf die Frage zu finden: Wer bin ich? Oder sein SELBST zu entdecken. Vielmehr ist es sinnvoll zurückzuweisen was wir sind oder was wir nicht sein wollen oder was andere meines, dass wir sein sollen!

Wir sind das, was wir gerade sind, in diesem Augenblick und was von anderen erkennbar ist.