Wenn wir uns unvoreingenommen mit der gegenwärtigen Alltags-Kommunikation beschäftigen, dann stellen wir eher Folgendes fest:

Erstens: Kommunikation ist alles. Alles Verbale und alles Nonverbale – sprachliche und nicht sprachliche, vom Schrei eines Säuglings bis hin zu einem künstlerischen Werk, vom handwerklichen Geschick bis zur industriellen Fertigung – eben alles, dann ist den Missverständnissen Tür und Tor geöffnet. Kommunikation ist, wenn man trotzdem verstanden wird. Der Zufall regiert.

Zweitens: Die menschliche Kommunikation scheint ein sehr komplexer Vorgang zu sein. Es ist eben mehr als nur das Sprechen oder der Sprechvorgang selbst. Nichts ist geregelt, nichts ist klar und eindeutig. Im alltäglichen Gebrauch zeigt sich oft, dass menschliche Kommunikation für Missverständnisse und Pannen vielfältigster Art anfällig ist. Die meisten Konfliktursachen beruhen auf Kommunikationsstörungen oder andersherum: Kommunikationsstörungen sind häufig Ursachen für Konflikte. Kommunikation ist ein Labyrinth, ein Eldorado für Missverständnisse.

Drittens: Von dem Augenblick an, an dem wir morgens das Radio anstellen und Musik oder Nachrichten hören wollen bis zu dem Augenblick an dem wir am Abend bei einer Fernsehsendung, über einem Roman oder einer Zeitschrift einschlafen schwimmen wir in einem Meer von Worten. Radiomoderatoren, Zeitungsverleger, Politiker, Kollegen, Kinder, Partner, Verkäufer, Leitartikler, Freunde und Verwandte, Markt- und Börsenberichte, Werbebroschüren, Reklameschilder, Bücher, Projektberichte, E-Mails, SMS, WhatsApp, Instagram, Twitter, Facebook – alles überfällt uns den ganzen Tag mit Wörtern. Ein gewaltiger „Niagarafall“ von Wörtern. Manche empfinden wir als angenehm. Manche als Tyrannei. Und wir selbst tragen ebenso dazu bei. Sehnsucht nach Klarheit, Struktur und Ordnung macht sich in uns breit. Trotzdem kommen wir selten auf die Idee, dass das Wesen und die Begleitumstände dieses täglichen Niagarafall von Wörtern die Quelle für manche persönlichen Schwierigkeiten sind – Tyrannei eben.

Irgendwann ist das was man die Zufälligkeit des Augenblicks oder die Laune der Natur nennt nicht mehr primär bei Überzeugungsprozessen. Irgendwann sind Kompetenz in der Sache, Autorität der Persönlichkeit oder so genannte rhetorische Tricks nicht mehr hilfreich, wenn man wirklich überzeugen will (Überzeugung ist die Fähigkeit eines Menschen zu einem inhaltlichen und /oder formalen Identifikationsangebot die freiwillige Zustimmung zu erhalten). Irgendwann erkennt man die Notwendigkeit fair miteinander zu sprechen – zu Hause, bei Freunden, in der Firma, im Betrieb oder in der Fremde. Dann ist die Argumentation sinnvoll.

Verhilft das Argumentieren wirklich dieser Tyrannei zu entgehen? Überwindet Argumentieren wirklich das Eldorado für Missverständnisse?

Ja – eindeutig Ja, denn „wann immer in menschlichen Angelegenheiten ein Übereinkommen oder eine Zustimmung erreicht wird …, dann wird dieses durch sprachliche Prozesse erreicht oder es wird nicht erreicht.“ (Benjamin Lee Whorf). Argumentieren dient dem Erhellen und dem Verstehen. Verstehen wir, dann ist Einigung leichter möglich. Kommunikation allein ist zwar menschlich wertvoll, aber verhindert oft das Miteinander und die intelligente kulturelle Kooperation als das eigentliche Prinzip des menschlichen Zusammenlebens.

Vereinbarungen im Gebrauch des Sprechens können manchmal für Klarheit sorgen wie zum Beispiel: Argumentieren. Noch besser ist ZUHÖREN und manchmal auch SCHWEIGEN.