Es wird unendlich viel getan in Deutschland. Ganz gleich, ob es sich um die Erledigung von Projekten oder Dienstleistungen handelt oder um politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche Maßnahmen. Irgendwas wird immer getan. Ist das aber auch gut, exzellent, großartig, einmalig? Es wird geschafft, gerafft, getan doch es entsteht allenfalls Mittelmäßiges, manchmal auch Unverständliches. Welchen Sinn hat eigentlich dieses emsige, unermüdliche Schaffen, wenn eben nur Mittelmäßiges oder Unverständliches daraus wird?

Wo bleibt der Sinn für Qualität? Wo die rasche und sichere Erledigung? Wo das Verständnis für wissenschaftliche Erkenntnisse?

Geht es uns eher darum in irgendeiner Weise beschäftigt zu sein, statt eine großartige Leistung zu erbringen? Oder können oder wollen wir gar nicht mehr etwas Großartiges leisten? Fast alle Menschen suchen in ihrem Tun nur eine Bestätigung für ihr Sein. Meistens im Außen! Außerhalb ihrer Persönlichkeit. Am ehestem realisiert sich das durch emsiges Arbeiten. Und doch ist es ein Stück unserer Identifikation. Unseres Begreifen-von-Welt. Vor dem Begreifen kommt aber immer erst das Erleben. Erleben kommt immer vor dem Begreifen. Erleben ist also überlebenswichtig. Erleben von Exzellentem, Großartigem, Konkreten ist wesentlich, um die Identifikation mit dem Sein nicht verlieren. Sonst zieht man die Hände vom Leben zurück und identifiziert sich leicht mit allem und jedem, eben auch mit der Mittelmäßigkeit.

Selbstbewusstes, verantwortungsvolles, großartiges TUN ist Leben. Jeder kann Großartiges leisten – also warum Mittelmaß? Um „Mittelmäßigkeit“, „Gewöhnliches“, „Normales“, „Übliches“, „Systemkonformes“, „Selbstverständliches“ zu vermeiden muss Denken ins Spiel kommen. Aus dem Spiel wird Bewegung und Ausdruck von Lebensqualität! Aber HALT! Haben wir nicht gerade in der Gegenwart unübersehbar erlebt, dass zu viel gedacht wird? Es gibt viel mehr Strategien, Pläne, Absichten, Vorschläge, Konzepte als sinnvolle, konkrete Handlungen.

Da es mir bei all` meiner Arbeit – für gewöhnlich führe ich persönlichkeitsbildende Dialektik Seminare und Coachings durch – immer um das Wesentliche, das Konkrete geht, so geht es mir bei den Beobachtungen der Gegenwart eben auch um das Konkrete. Und dieses Konkrete stellt sich nach meinen Beobachtungen in Wirklichkeit eher so dar: Der Mensch der Gegenwart ist besonders gefährdet, seine Kommunikationsfähigkeit manipulierend einzusetzen (im Großen wie im Kleinen, Privat wie im Beruf, National wie International), weil ihm nützlicher als das Wesentliche, das jeweilige Ansehen im Glanze brillanter Bilanzen, höchster Leistungen und strahlender Bestätigung in Medien erscheint. Fast jeder, der in der Öffentlichkeit wirksam ist, hat inzwischen mehrere „Kommunikationsberater“ (einer genügt meist nicht mehr). Aber woher wissen die denn was dem Verstehen hilft? Ich meine: KONKRET! SINNVOLL! Und eben nicht manipulierend.

Einzel-egoistisches Verhalten, einseitige Nutzenorientiertheit und vollmundige Funktionalität wird eher belohnt als soziales Verhalten. Das Bedürfnis nach Perfektion und Dominanz wird unerschöpflich. Meist drückt sich das durch Wort-Gewalt aus. Dieses bedeutet jedoch Krieg hineintragen in die Gesellschaft, den Firma, die Institution, die Familie. Das kann nicht gewollt sein. Wem nützt das?

Im privaten wie betrieblichen wie gesellschaftlichen Alltag kommt es weniger darauf an, Wort-Gewalt gegen andere zu verwenden oder phantastische Reden zu halten oder exzellent zu sprechen als mehr auf das Miteinander von Menschen, die gemeinsam leben und arbeiten wollen. Jeder unnatürliche, unwissenschaftliche Sprachgebrauch der Menschen führt dazu, dass sie mehr und mehr von der Wirklichkeit isoliert sind. Missbräuchlichen Beeinflussungen durch Vereinfachungen, Zeitraffern und Stereotypen sind so Tür und Tor geöffnet. In dieser momentanen Pandemie erleben wir es qualvoll – und zwar von allen Seiten.

Es kommt also nicht darauf an, dass die bessere Rhetorik, geschliffenere Dialektik „siegt“, sondern es kommt allein auf die bessere Sache, das bessere, verständliche Argument an, denn das macht dauerhaft Entwicklung und Fortschritt von Systemen (Familie, Betriebe, Institutionen, Nationen) im menschlichen Sinne möglich.

Sinn und Zweck der Rhetorik und Dialektik sind eigentlich darin begründet, das Denken in Bewegung zu bringen und den gemeinsamen Erkenntnis-Zuwachs zu ermöglichen.

Menschliche Kommunikation, ganz gleich welcher Art ist nicht Show, nicht Theater, nicht Verstellung, sondern zähes Bemühen um den anderen, die Wahrheit, die Sache, das Problem. Jeder Mensch, wenn nicht neurotisch bedingt isoliert, verbringt den größten Teil seiner Zeit in Gruppen. Um sich darin ohne Dominanz und ohne nicht-notwendige Anpassung behaupten zu können, muss man selbst wissen, wer man ist, was man kann und was man aufgrund dessen erfüllen und leisten kann. Das jedoch keineswegs einseitig festgeschrieben (Diplome, akademische Grade, Zeugnisse, Hierarchien, Rollen …), sondern immer wieder neu als Orientierung in sich selbst, so dass man nie die Angst haben muss, sich verlieren zu können. So ist es, liebe „Herrschenden“.

Das wichtigste Ziel der menschlichen Kommunikation (Rhetorik, Dialektik, Semantik) ist die Steigerung persönlicher Gesundheit und Zufriedenheit im Leben. Das gelingt dadurch, dass wir durch ihren realen Gebrauch lernen, uns wirkungsvoller auszudrücken, unsere Denkvorgänge in Ordnung zu bringen und verlässliche Normen für Urteile, Bewertungen und Entscheidungen zu entwickeln. Sie ermöglicht dem Menschen, ohne sich zu verbiegen, immer und zu jeder Zeit den fairen Umgang mit Menschen und Worten. Politik wird möglich, im wahrsten Sinne der Bedeutung des Begriffes.