Am Anfang war das Wort (Die Bibel Joh.1.1) – am Ende der Konflikt? Worte stürzen auf uns ein – von Anfang bis Ende unseres Lebens. Deutlich, manchmal schmerzhaft spürbar gerade jetzt wieder in der „Vorwahlzeit“ zum neuen Bundestag. Ich nehme da niemanden aus, weder den Politiker, der um sich werben muss noch den Fragesteller der, bevor er eine Frage stellt (wenn überhaupt), erst einmal eine Unmenge von Worten zur Selbstdarstellung gebraucht.

Sind Worte immer notwendig, um sich zu verständigen?

Woraus besteht unser täglicher Niagarafall von Worten?

Was machen wir mit Worten und was machen diese mit uns?

Welche Worte fördern und welche behindern eher, wenn wir miteinander sprechen?

Ersetzen Worte vielleicht Taten? 

Die meisten Menschen meinen oder glauben, Wörter seinen nicht wirklich wichtig; was wichtig ist, seien die „Ideen“, an deren Stelle sie stehen. Wie erkennen wir aber die „Idee“, wenn sie nicht in Wörter gefasst wird?  Wort und „Idee“ müssen also identisch sein, sonst versteht niemand, welche „Idee“ wir meinen. Kein Wort hat jemals genau zweimal dieselbe Bedeutung, deshalb kann es auch nur im Zusammenhang gültig sein. Wir sagen ein Wort im Scherz und meinen es auch so, es wird jedoch von dem anderen als Beleidigung interpretiert. Hinsichtlich des Verstehens kann das Wort nur im Kontext stehen: zur „Idee“, also der Person, der Situation, der Zeit, der Stimmung. Worte, Mensch und Kontext sind eine Einheit.

Wirklich?

Kommunikation ist ein sehr komplexer Vorgang, daher an sich missverständlich. Anscheinend ist es mehr als nur die Worte, die Sprache, das Sprechen oder der Sprechvorgang selbst. Kommunikation ist alles. Nichts ist geregelt, nichts ist klar und eindeutig. Generell scheinen menschliche Begegnungen subsumiert unter dem Begriff menschliche Kommunikation für Missverständnisse und Pannen vielfältigster Art anfällig zu sein. Oft gefährden diese dann sowohl die Effektivität der Zusammenarbeit als auch das seelische Wohlergehen der Menschen, die miteinander umgehen oder zusammenwirken wollen. Sprache meint alle gesprochenen und/oder geschriebenen Laute und Zeichen, die, entsprechend der jeweils kulturellen Reife einer Gemeinschaft, die Gedanken verständlich machen, um so einen Zugang zur Kenntnis der Dinge zu erhalten. Sprache unterliegt den Bedingungen von Wandlung und Entwicklung. Sie ist Prozess. Sie dient der Verständigung der Menschen untereinander durch Vermittlung von Informationen.

Schaut man sich den sprachlichen Alltag etwas genauer an, ganz gleich ob geschrieben oder gesprochen, dann kann man sehr leicht den Eindruck gewinnen, Sprache dient eher der Überredung als der Information oder gar der Verständigung, eher einem Medium für „Dichtung“ und „Phantasie“, statt ein Mittel zu sein, um menschliche Beziehungen herzustellen und ihnen Ausdruck zu verleihen. Sprache ist zuallererst auf die Gemeinschaft ausgerichtet. Inhalt, Gesprächsstoff sind zunächst zweitrangig. Wir sprechen miteinander über „Belangloses“, blödeln gar und schließen Freundschaften fürs Leben. Es kommt halt darauf an Situation, Zeit, Ort, Gesprächsstoffe so sorgsam auszuwählen, über die dann eine unmittelbare Übereinstimmung möglich ist.

Der Sinn jedoch ist oft entscheidender als die „Buchstäblichkeit“ des Gesagten.

Die richtige, die natürliche, die gebrauchte Sprache ist nicht kunstvoll, abstrakt, verrenkt, sondern ist genau der spezielle Ausdruck für das, was gerade gemeint ist.

Gebrauchssprache ist nicht Kosmetik, sondern eher Körperpflege.

An dieser „gepflegten“ Sprache kann man die Vorzüge einer Sprechleistung erkennen. Sprechleistung ist die höfliche Umschreibung für das, was man so den ganzen Tag zusammenschwätzt. Alles, auch Worte an den Freund, als Befehl, Bitte, Beratung, Lüge, Hoffnung…; auch Worte als Ergebnis konkreter Lebenserfahrung und auch Worte lediglich als Experimente mit der Wahrheit?! Wir sprechen etwas aus. Sagen etwas. Sagen, was wir denken. Äußern unsere Gedanken, unsere Ideen. Können dabei aber auch etwas entstellt wiedergeben – absichtlich oder infolge der Unfähigkeit, etwas auszudrücken. Sprache dient nicht nur der Klarheit, sie dient oftmals dem Verschleiern von Gedanken, der Lüge. Sprechen dient dem Abreagieren wie auch der Entzweiung, auch wenn es vor allem anderen der Verständigung zu dienen hat. Für ein sinnvolles Zusammenleben von Menschen muss deshalb Sprache so sein, dass alle Aussagen nachprüfbar sind, denn wo immer Menschen sich begegnen, ist Vertrauen das Wesentliche.

Vertrauen hat aber immer mit Glaubwürdigkeit und Überzeugung zu tun.

Die meisten Sprechenden sind davon überzeugt, dass sie sich verständlich und zureichend überzeugend ausdrücken. Diese Überzeugung ist in aller Regel irrig. Weil diese Überzeugung jedoch allgemein verbreitet ist, fällt es den meisten Menschen nicht auf, dass sie dadurch eher dem Irrtum, der Vermutung, der Verunsicherung Tür und Tor öffnen. Es fällt ihnen auch nicht auf, wenn menschliche Kommunikation möglich geworden ist, dass nicht sie es sind, die das erreicht haben, sondern immer die Liebe der anderen – wobei sie selbst manchmal auch der andere sind.

Feindaggressivität und Vernichtungsaggressivität sind prägend für unsere Kommunikationskultur. Selbst bei direktem Erleben dieser Art mit anderen zu sprechen, sind viele Menschen irritiert. Lautstarke, vehemente Ausreden, Erläuterungen und brüske Ablehnungen sind die Folge. Richtiges Sprechen gibt es nicht, ebenso wenig wie richtiges Denken oder richtiges Schreiben. Lediglich gibt es ein bestimmtes Sprechen in einer bestimmten Situation: Schauspieler, Redner, Ansager. Unabhängig davon und unabhängig von der kommunikativen Situation, ob nun Gespräch, Konferenz, Besprechung, Verhandlung, Präsentation – hier einige Hinweise für das Sprechen, um in Konflikten eher auch eine Sachebene gelangen zu können:

Sprechen Sie so, stellen Sie so Ihre Meinung dar, dass der andere das, was Sie sagen, zutreffend wiederholen kann.

Kann er das nicht, braucht er dazu wesentlich mehr Worte als Sie in Ihrer Darstellung, dann haben Sie nicht gut gesprochen, dann war Ihre sprachliche Darstellung unter- oder überredundant, ungegliedert, wenig anschaulich.

Sagen Sie was Sie zu sagen haben und was Sie sagen wollten, ehe Sie zu sprechen begannen.

Irritieren Sie durch Ihr Sprechen nicht den anderen durch eine Art von Wortschwall, Ideenflut, assoziative Ketten Ihrer Gedanken. Es ist in aller Regel falsch, dass alles das, was Ihnen während des Sprechens einfällt, auch unbedingt sagenswert ist, denn eher wird Ihre sprachliche Darstellung dadurch zu einem amorphen Schwall von Worten, statt eine stabile Brücke, die Ihr Zuhörer zwecks Verständigung begehen kann. Disziplin ist eher besser, nicht immer, jedoch meist dann, wenn es sich darum handelt, Kontakte aufzubauen, zu appellieren, zu vergewissern.

Fragen Sie, wenn Sie Ihren Gesprächspartner nicht verstehen, wenn es problematisch ist, wenn Ihnen etwas „fragwürdig“ erscheint, jedoch fragen Sie nach, und verwenden Sie keine „Fragetechnikals eine Form der überlegenen, taktischen Gesprächsleitung.

Besser als eine direkte Frage ist die Vergewisserung beim Partner durch die zusammenfassende Darstellung des bis zu diesem Zeitpunkt Verstandenen: „Sie sagten…“, „Sie behaupteten…“, „Sie meinten…“, „Sie vermuteten …“ oder „Habe ich Sie recht verstanden, dass …“. Wenn Sie schon direkt fragen müssen, dann stellen Sie nie Fragen, mit deren Antworten Sie voraussichtlich nicht einverstanden sind. (Beispiel: „Was glauben Sie, sollte man Ihrer Meinung nach, tun?“ – Sie selbst haben aber schon eine bestimmte Vorstellung). Das führt nur zum Streit, der häufig nur sehr unmenschlich beigelegt werden kann und oft Sieger und Besiegten kennt. Die richtige Frage im richtigen Moment zu stellen, ist eine Frage der geistigen Kraft.

Sprache, Sprechen, Verbales und Nonverbales, Geschriebenes und Gezeichnetes … sollte immer und zuerst der menschlichen Kommunikation dienen.

„Von zwei möglichen Wörtern ist immer das schlichtere zu wählen.“
Paul Valéry (1871-1945), französischer Lyriker und Essayist

Kommunikative Begegnungen sind immer und zuerst menschliche Begegnungen.

Machen wir uns dabei immer klar, dass Freund, Feind, Geliebter, Geliebte, Kinder, Eltern … die gleiche Luft wie wir selbst atmen.

Es ist die gleiche Luft, die Pflanze und Tier einatmen. Der Atem verbindet uns mit allem in dieser Welt.

Wir treten durch unser Sprechen, bei dem Ein- und Ausatmen am deutlichsten für uns spürbar, mit dem anderen in Kontakt, in Beziehung.

Das genau ist mit- und zueinander Sprechen.