In meiner Rolle als Führungskraft erlebte ich gerade meine 5te Präsentation an diesem Tag, ich stand auf, nahm meine Sachen und ging – leise. Später berichteten mir meine Kollegen, dass nach meinen Weggang (schließlich war ich ja der Entscheider) Stille eintrat, Verlegenheit, Verwirrung – irgendwie gingen dann alle anderen auch. Warum ich gegangen war? Nun es war mir einfach zu viel des Gleichen, gleiche Lösungen, gleiche Over-Head Darstellungen (Power Point gab es damals noch nicht), gleiche Argumente.

Mir war es einfach schlicht weg zu langweilig. Habe ich das gewollt?  Habe ich die Kämpfer um die Sache nicht entsprechend gewürdigt? Habe ich oft Meinungen anderer unterdrückt? Habe ich zu viel Gemeinschaftssinn gefordert? Wollte die Konformes? Damals konnte ich noch gegensteuern. Übrigens gegen sehr viel Kritik, denn das Allgemeine ist ja leichter zu ertragen als persönliche Verantwortung. Und Heute?

Es wird unendlich viel getan in Deutschland. Ganz gleich, ob es sich um Weiterbildung in den Betrieben oder um die Erledigung von Projekten oder Dienstleistungen handelt. Irgendwas wird immer getan. Ist das aber auch gut, exzellent, großartig, einmalig? Es wird geschafft, gerafft, getan  – doch meist nur Mittelmäßiges? Welchen Sinn hat eigentlich dieses emsige, unermüdliche Schaffen, wenn eben nur Mittelmäßiges daraus wird? Ich höre den vielstimmigen Aufschrei: „Das stimmt doch nicht!“

Ehrlich: Wo bleibt der Sinn für Qualität? Wo die rasche und sichere Erledigung? Wo bleibt die Freude am Nonkonformismus? Oder geht es uns eher nur darum in irgendeiner Weise beschäftigt zu sein, statt eine großartige Leistung zu erbringen? Oder können oder wollen wir gar nicht mehr etwas Großartiges leisten?

„Großartig“ ist doch einfach alles das, was ein Mensch leisten kann aus seiner Sicht und seinen Möglichkeiten. So schafft auch ein Kind Großartiges oder ein Behinderter. Mittelmäßig ist dagegen, was Menschen nur mal eben so tun. Wenn sie es nicht tun im Sinne Ihrer Grenzen, mit Elan, Lust und Freude an dem was sie schaffen; mit dem Sinn dafür etwas zu erledigen, nachhaltig, und nicht das tausend neue Fragen auftauchen. Es geht nicht um nur nicht zu GEFALLEN, auch nicht um Mut, sondern ausschließlich um sein Tun. Nämlich so zu tun, dass es großartig ist (und nicht nur so von anderen als solches gesehen werden soll). Fast alle Menschen suchen in ihrem Tun eine Bestätigung für ihr Sein. Meistens im Außen – außerhalb ihrer Persönlichkeit. Am ehestem realisiert sich das durch emsiges Arbeiten – egal wie. Auch das ist ein Stück unserer Identifikation, unseres Begreifens der Welt. Erleben kommt immer vor dem Begreifen. Erleben ist also überlebenswichtig. Erleben von Exzellentem, Großartigem, Konkreten ist wesentlich, um die Identifikation mit dem Sein nicht verlieren. Sonst zieht man die Hände vom Leben zurück und identifiziert sich leicht mit allem und jedem. So auch eben mit dem Mäßigen. Selbstbewusstes, verantwortungsvolles, großartiges TUN ist Leben.

Identifikation im Außen macht nicht nur das Tun sondern auch sich selbst mittelmäßig. Identifikation mit sich selbst, seinem Tun und dem was man gerade macht ist großartig. Jeder kann Großartiges leisten – also warum Mittelmaß?

„Arbeit ist Beziehungslieferant. Arbeit vermittelt Zugehörigkeit. Arbeit ist Lernen… Arbeit prägt uns, wenn wir sie haben, und sie prägt unser Selbstbild, wenn wir sie verloren haben und „arbeitslos“ sind. Wenn die Arbeit sich grundlegend wandelt, dann ist unsere Gesellschaft in den Grundfesten erschüttert und gefordert. Und genau das erleben wir gerade. Wir befinden uns im tiefgreifendsten Wandel der Arbeit seit der industriellen Revolution. Unser Bild von Arbeit ist noch stark von der industriellen Arbeitskultur geprägt – und die nimmt weiter ab. Doch vor unseren Augen entsteht eine neue Arbeitskultur: „Creative Work“. Eine Arbeitskultur, die von Selbstverantwortung, Wandel und Kreativität geprägt ist. Dabei meint Kreativität mehr als nur künstlerische Schöpferkraft. Kreatives Denken und Handeln ist die Fähigkeit, ständig neue Zusammenhänge herzustellen, unterschiedlichste Perspektiven zu integrieren und Bestehendes immer wieder zu hinterfragen – auch sich selbst und den eigenen Lebens- und Arbeitsplan.“

Zitat aus einer Studie der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim.

Diese neue Arbeitskultur erfordert eben auch eine neue Führungskultur, eine neue Präsentationskultur, eine neue Gesprächskultur – oder alles wird sinnentleert.

Was also wollen wir wirklich?