Wozu ist Erziehung eigentlich gut? Wenn ja, welche? Für mich sehr schwer zu beantworten, denn ich meine, das Kleinkinder nur Orientierung und Begleitung und Liebe brauchen um zu wachsen und zu gedeihen.

Der faire Umgang mit Menschen in Wort und Tat steht im Mittelpunkt meines Lebens. Trotzdem verhalte ich mich auch mal unfair, lüge manchmal, verletze jemanden mit Worten oder manipuliere mit Worten. Vielleicht sogar jetzt in dem Augenblick in dem ich diese Worte schreibe. Meistens ärgert mich das. Ich könnte mich herausreden: Bin ja auch nur ein Mensch, bin kein Engel, auch kein Moralapostel. Das jedoch fast zu kurz. Aber, warum ist es so?

Betrachte ich meinen Erziehungsweg, dann ist es mir klar, warum es so ist. Funktionieren war angesagt, die instrumentelle Intelligenz wurde gefördert. Was beweisbar, belegbar war, war gut und richtig. Und damit hatte ich auch Erfolg. Erfolg verstärkt auch das, was nicht sinnvoll für das menschliche Leben ist. Instrumentale Intelligenz haben auch Affen wie das berühmte „Teneriffa-Experiment“ mit Menschenaffen gezeigt hat.

Es gibt zwei Arten von Intelligenz:
1. die Instrumentelle (Ratio/Intellekt)
2. die sozialproduktive (emotionale oder personale)

Die instrumentale Intelligenz wird durch den „Werkzeuggebrauch“, der findigen Anwendung bestimmter Mittel zu bestimmten Zwecken deutlich. Hier sind bereits höher entwickelte Tiere wahre Meister.

Die emotionale oder personale Intelligenz wird durch die zwischenmenschlichen Beziehungen und alle Kulturleistungen deutlich.

Trotz vieler gegenteiliger Bekundungen wird die sozialproduktive Intelligenz auch gegenwärtig eher unterdrückt. Die instrumentale Intelligenz hat in den vergangenen Jahren die menschliche Macht immer mehr und mehr vergrößert. Seit Jahrtausenden ist die Menschheit erfolgreich bemüht durch technische Verfahren aller Art die Objektwelt und leider auch die Menschenwelt zu kontrollieren. Im Zuge dieser Geisteshaltung haben sich Wirtschaft und Gesellschaft in eine Richtung entwickelt, die die vollkommene Ausrichtung auf die Nützlichkeit als sinnvoll ansieht. Humanität, ethischer Fortschritt, Naturschutz habe nur den Platz, den ihnen Worte zubilligen. Worte sind keine Taten.

Wenn es um den Gebrauch unseres Gehirns geht, dann geht es nicht um entweder oder, sondern beide Arten der Intelligenz sind wertvoll für den erfolgreichen Fortschritt des Einzelnen. Damit auch für die Gemeinschaft. Wenn nun die instrumentale Intelligenz im gegenwärtigen Leben eine weitaus höhere Bedeutung hat, dann ist es jetzt wesentlich in gleicher Weise die sozialproduktive Intelligenz zu fördern. Am ehesten geht das durch den fairen Umgang mit Menschen und Worten in allen Fällen des menschlichen Alltags.

Es gibt nicht wenige Menschen in Unternehmen, die sich nicht „entblöden“ von sogenannten harten und soften Kompetenzen zu sprechen. Entsprechende Unterteilungen werden auch in der Erwachsenenbildung vorgenommen. Wieso denn nicht? Sie haben es doch auch gar nicht anders gelernt. Konkret und praktisch kann es durchaus einem sehr, sehr leidenschaftlichen Naturforscher oder einem hervorragenden Techniker nicht schaden, sein Sprachgefühl zu schulen und zu vervollkommnen. Damit auch der andere versteht um was es geht. Sprache ist das Relais zum Außen. Sie verbindet Denken und Wissen mit allem anderen Denken und Wissen. So und nur so ist menschlicher Fortschritt möglich.

Sprachgewandtheit ist nichts anderes als die Erziehung zur sozialproduktiven Intelligenz.

Sie sichert zwei für das menschliche Leben elementare Fähigkeiten ab: Lieben und Verstehen. Beide bedingen einander. Das was man liebt kann man besser verstehen oder umgekehrt, man versteht eigentlich nur das, was man liebt. Wie viel leichter, schneller, billiger und effektiver wäre jedes menschliche Lernen – als Kind wie auch als Erwachsener?