Neulich sagte ich zu einer Kassiererin im Supermarkt aufgrund einer sehr rüden Reaktion einer Kundin: “Das war ja nicht gerade höflich“. Sie schaute kurz auf und seufzte: „So sind sie eben!“. Schreck lass nach. Wie ich wohl auf die Kassiererin wirkte? Ich nahm sie auch nicht gerade als sehr höflich wahr. Was ist überhaupt Höflichkeit? Wie sieht höfliches Verhalten aus? Ist Höflichkeit nur etwas, was wir von anderen erwarten? Waren wir früher höflicher?

Ich kann diese Fragen eher nicht beantworten, aber ich habe (leider viel zu häufig) wahrgenommen, dass im alltäglichen Umgang der Menschen Höflichkeit eine immer geringere Bedeutung zu haben scheint. Zunehmend.

Wenn Höflichkeit Klugheit wäre, wie Schopenhauer meint, und Unhöflichkeit demnach Dummheit, dann müsste man wahrscheinlich durch die fortsetzende Reduktion der Höflichkeit mit einer größeren Zunahme der Dummheit in der menschlichen Gemeinschaft rechnen. Tatsächlich wird meine persönliche Wahrnehmung durch verschiedene Umfragen bestätigt.

Hand aufs Herz: Biete ich meinen Sitzplatz an, wenn ältere, schwächere, erschöpftere Menschen in den vollen Zug steigen? Halte ich Frauen die Tür auf und lasse sie vorangehen, unabhängig von deren Abhängigkeitsgrad zu mir? Höre ich zu, wenn andere sprechen? Lasse ich den anderen aussprechen? Lasse ich andere Meinungen zu, ohne unbedingt meine gelten zu lassen? Bin ich immer pünktlich? Halte ich alle vereinbarten Termine ein? Schalte ich mein Handy aus, wenn ich im Gespräch bin oder zu Besuch? Entschuldige ich mich, ruhig und gelassen, wenn ich jemanden angerempelt habe.?

Ich bin noch sehr streng nach Etikette und zur Höflichkeit erzogen worden. Später dann musste (?) ich lernen die „Ellenbogen zu gebrauchen“, lernen „mich durchzusetzen“. Die Egozentrik (das Drehen um mich selbst) wurde mein Begleiter für alle Formen des Business. Im Alltag begann ich damit anzuecken. Andere verhielten sich aber nicht besser. Verwirrung!

Heute weiß ich das es im Umgang mit Menschen (verbal wie nonverbal) wesentlich ist, sich höflich zu verhalten. Unbedingt. Will ich nicht für ein Grobian gehalten werden.

Höflichkeit ist ein gesellschaftlicher Maßstab für interaktive Handlungen mit denen der jeweils Handelnde wenn auch anhand ritualisierter Formen demonstriert das er den anderen wahrgenommen, respektiert und sich seine Interessen zu eigen gemacht hat. Höflichkeit ist trotz der Rituale, die durchaus variabel und an die jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst werden können und müssen, jedoch nur dann von Wert, wenn diese aus dem Inneren des Menschen kommt, von Herzen kommt.

Herzliche Höflichkeit stellt einen allgemeinen Wert dar und unterscheidet sich diametral von der „kalten“, „etikettierten“ Höflichkeit. Dennoch ist mir die formalisierte (kalte) Höflichkeit lieber, als jede durchsetzungsstarke Grobheit, jede Brutalität, jede unbarmherzige Höflichkeit von Politikern, Polizisten, Chefs und anderen „Amtsinhabern“. Zwar kann man diese durchaus als Korrektheit bezeichnen und sie mag auch in unsere entseelte Welt passen. Ist sie jedoch sinnvoll?

Wie wird es weitergehen? Was wird mit der Höflichkeit in der Zukunft? Übersteigen Forderungen, welcher Art auch immer, künftig das Bedürfnis nach liebvoller Anteilnahme durch Höflichkeit? Oder haben wir uns schon an so vieles gewöhnt, an den rauen Ton, an die Unverschämtheiten des Alltags, den Shitstorms, Beleidigungen, Lügen, maßloses Urteilen?

Ganz gleich welche gesellschaftliche Bedeutung das eine oder das andere haben oder bekommen wird: Gutes Benehmen, der Anstand in Zeiten, schwierigen, wie leichteren Zeiten des menschlichen Miteinanders, ist nur dann gut, wenn darin eine Wertschätzung des Gegenübers zum Ausdruck kommt und wenn man es nicht nur einsetzt, weil man von dem anderen etwas will.

Wir sind uns selbst und allen anderen, den Dummen, Lauten, Leisen, Störrischen, Fremden, Verängstigten, Unverschämten, Feigen, Mutigen schuldig: Respekt, den Versuch des Verstehens, Anerkennung, Rücksicht, Wohlwollen, Freundlichkeit und Solidarität, subsummiert unter den Begriffen „Anstand“ und „Höflichkeit“.

Das ist eine Sache jedes einzelnen und damit eine elementare Sache von uns allen.