Wir waren am Gardasee um „Urlaub“ zu machen. In Malcisene. Jeder war auf seine Weise beschäftigt. Ab und an trafen wir uns zum Gemeinsamen: Abendessen, Stadtbummel, Besichtigungen. Es herrschte Harmonie. Unsere Beziehungen stimmten. Oder doch nicht?

Bei einer unserer Gemeinsamkeiten saßen wir bei Kaffee und Fanta am kleinen Hafen. Buntes touristisches Treiben um uns. Anna (Mutter) ging Geld aus dem Automaten holen. Ich bleib mit den beiden wunderschönen Mädchen Nora (14) und Elisa (12) wartend sitzen. Ah, Gespräch anfangen. Worte wurden ausgetauscht, für Sätze war keine Lust da. Dann sagte ich ziemlich unvermittelt, weil ich einen Szene Pizza essender Erwachsener beobachtet hatte: „Oh Mann, ich kann die draußen essenden Erwachsen einfach nicht leiden, mich regt das auf!“ Es war mehr gebrummelt. Dennoch pfeilschnell und sehr spitz kam von Nora die Frage geschossen: „Was ist denn daran so schlimm?“ Ich war sofort in Not. Sollte ich einfach nur sagen: „Gar nichts“ oder „Nora, wie es im Allgemeinen ist, kann ich nicht sagen, denn ich habe es nur für mich so gefunden und Deine Frage müsste eher lauten, warum findest du das so schlimm, dann könnte ich antworten.“ Ich tat keines von beiden, weil ich glaubte, ich würde Nora belehren wollen und das wollte ich nun mal im Urlaub nicht. Zu spät sah ich das Funkeln in Ihren Augen und den lässigen körperlichen Ausdruck, Alter, was Du schon wieder hast, und antworte dann wahrheitsgemäß: „Weil mich das eher an animalische Handlungen erinnert. Menschen sind nun einmal keine Tiere, die dort fressen, wo sie Futter finden.“

Nora, noch etwas gereizter: „Aber wenn sie denn nun einmal Hunger haben. Außerdem ist es doof, wenn Du sagt Menschen die draußen essen sind Tiere. Was Du immer hast.“ An dieser Stelle wusste ich, dass es zu spät war, einfach zu spät. Denn alles was jetzt folgt befriedet nicht mehr. Ich knurrte zurück: „Menschen sind nun einmal Menschen. Und Tiere sind nun einmal Tiere. (Jetzt ein vorsichtiger Versuch doch noch auf die persönliche Empfindung zu kommen.) Ich finde wir Menschen haben Tische, Häuser und niemand hat soviel Hunger in der heutigen Zeit, als dass er sofort und jetzt und immer essen muss. Ich mag es einfach nicht sehen.“ Noras funkelnde Augen wurden noch funkelnder. Sprenkel vom Ärger übersäten die Iris. „Kannst Du Dir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die kein Geld für ein Restaurant haben“, zischte sie. „Was glaubst Du eigentlich wie blöd ich bin“ knallte ich ihr an den Latz.

So vieles wollte ich sagen von meinem Empfinden, dass es mich an meine eigene Armut erinnerte, am meiner Scham, wenn ich mit einer Scheibe trocken Brot auf die Strasse musste, weil die anderen, hungernden Erwachsenen es nicht sehen sollten und, und, und. Es kam nicht mehr dazu. Anna, inzwischen vom Geld holen zurück, hörte wohl nur noch das Wort „doof“ und sah unsere Betroffenheit. Elisa, die die ganze Zeit geschwiegen hatte, war auch irritiert. Sie mag überhaupt keine Form von Schreierei.„Was hast Du denn schon wieder mit den Mädchen. Du verstehst doch Nora überhaupt nicht mehr. Du hast kein Einfühlungsvermögen“, richtete sie ihre angreifenden Worte an mich. Ich versuchte mich zu verteidigen, es ging ja gar nicht um Nora und … Weiter kam ich nicht. Wie eine Peitsche knallte der Satz: „Wundere Dich doch nicht, wenn die Kinder nicht auf die hören, wenn Du Blödsinn erzählst!“ „Ich erzähle Blödsinn?“ echauffierte ich mich. Postwendend kam: „Du sprichst nur Unsinn.“ Wir trotteten alle zum Auto. Ich drehte mich um und brummte: “Gut, wenn ich nur Blödsinn rede, dann brauche ich auch nicht mehr mit euch zum Essen gehen!“ Sprach ’s und ging meiner Wege. Die anderen ihren. Der Abend war gelaufen. Und nicht nur der, es vergingen von einige Stunden bis zur Versöhnung. Versöhnung heißt aber nicht Klärung. Viele sprachliche Situationen im Alltag bleiben ungeklärt.

Ungeklärtes nagt an unserer Seele. Irgendwann rächt sie sich dafür.

Wäre ich auf Nora eingegangen, was ich ja nicht tat, dann wäre es besser gewesen, zumindest leichter. Zumindest hätte sie die Chance gehabt, sicher unserer wirklichen Beziehung zu erinnern. Meine falsche Vorstellung von mir und der Beziehung zueinander vielleicht auch meine geringe Aufmerksamkeit haben zum Missverständnis geführt.

Im normalen Alltag gibt es täglich hunderte davon. Im konkreten Umgang ist es uns manchmal eher lästig, zuweilen auch nicht notwendig due jeweilige Beziehungsebene zu überprüfen. Oder Sie glauben, weil sie irgendwann einmal sprechen gelernt haben, dann können sie auch damit umgehen. Mag sein, der Alltag lehrt uns etwas anderes. Selbst wenn jemand einen neuen Wischmop verwenden will, weiß er, dass er sich damit erst mal einüben muss. Beim Sprechen, beim reden miteinander überlässt man alles der Illusion. Aber es ist doch pur, sehr authentisch, werden einige denken, mag sein – zumindest ist es menschlich im Sinne von üblich. Ist es aber dadurch besser? Ist der Alltag nicht viel schöner, wenn wir verstehen? Verstehenist leichter, wenn auch die Beziehung stimmt. Da muss man nicht unbedingt ein Kommunikationspsychologe sein. Oder ist er für uns nur gut, wenn wir uns gegenseitig behaupten? Wir haben die Wahl. Täglich und nicht erst alle vier Jahre.