Wann immer wir in eine Krise kommen, ganz gleich ob persönlich oder gesellschaftlich, dann merken wir sehr schnell, dass wir mit den dazu notwendigen wie weniger notwendigen Informationen in Konflikt geraten.Diese werden individuell unterschiedlich empfunden: Als einen Zustand der Ohnmacht, der Zerstrittenheit, der Auseinandersetzung, des Streits! Gern würden wir keine haben.

Jedoch, Konflikte sind nicht außergewöhnlich oder gar lebensbedrohlich, Krisen können es manchmal sein, sondern vielmehr gibt es kein Leben ohne Konflikte. Sie sind immer und überall gegenwärtig. Sie sind eine Art Lebenszeichen. Konflikt definiere ich als ein Vorübergehendes Aufeinanderprallen von Zielen, Meinungen, Urteilen.

Wir leben gegenwärtig in einer Zeit der familiären, betrieblichen, gesellschaftlichen Mitbestimmung. Diese wird am ehesten dadurch verwirklicht, in dem wir miteinander sprechen. Dabei prallen Meinungen, Ideen, Aussagen, Einstellungen aufeinander. Sieg oder Niederlage, Recht oder Unrecht, Wahrheit oder Lüge sind nicht unbedingt klar. Die so genannten „sozialen Medien“ tragen einiges dazu bei oder erleichtern zumindest das Verbreiten sinnvoller wie sinnloser Informationen. Um Verwirrung zu vermeiden muss Einigung erzielt werden. Es fehlen aber häufig wirksame Fertigkeiten oder Möglichkeiten, die es den Beteiligten erlauben, sich zu einigen. Menschen können sich nicht einigen, weil sie eben die Dinge unterschiedlich sehen, weil sie verschiede Ziel haben, weil sie verschieden persönliche Einstellungen haben – und weil es manchmal von ihnen erwartet wird. Art, Anzahl, Umfang und Lösungstechnik spiegeln immer das gegenwärtige menschliche Zusammenleben wider – individuell wie gesellschaftlich.

Nicht gelöste Konflikte verbrauchen Lebensenergie. Jeder Konflikt kann aber konstruktiv aufgelöst werden.

Überall im Leben werden Konflikte wirksam. Beobachten wir das Leben um uns herum, ohne zu urteilen, dann können wir auch die Wirkung der Konflikte erkennen. Können wir sie erkennen, so haben wir auch eine Chance, diese zu lösen. So sind Konflikte überhaupt Chancen für unser Leben. Um die Beobachtung von Konflikten im täglichen Leben zu üben, optimal reagieren zu können und erst gar keine „Ohnmachts-Vorstellungen aufkommen zu lassen, werde ich hier einige Aspekte der Wirkung auf und durch die Partnerschaft (Teil1), den Körper (Teil2), ), die Arbeit (Teil3) betrachten und dann Gedanken zur Konfliktlösung (Teil4) nennen.

Hier beginne ich mit der Betrachtung der Konflikte auf und durch die eheliche oder eheähnliche Partnerschaft. Schauen wir direkt hinein in den Spiegel der Partnerschaften:

  • Eheberatung ist ein expandierendes Gewerbe
  • Es gibt immer mehr Ehescheidungen und nichteheliche Partnerschaften
  • 44,4 % aller Haushalte sind inzwischen Single-Haushalte (Alleinlebende, Alleinerziehende)
  • 73 % aller Scheidungen werden von Frauen eingeleitet
  • Etwa 14.000 Selbstmorde pro Jahr wurden registriert.
  • Die meisten davon nachweislich aufgrund von Beziehungskrisen.
  • Fast jeden Tag in jeder Tages-Zeitung wird über mindestens einen brutalen Mordfall aus gleichen Gründen berichtet.
  • Die meisten Krankschreibungen beruhen auf Beziehungskrisen.

(Diese Zahlen sind relativ, gelten jedoch für Stadt und Land, Großstadt wie Kleinstadt, reiches wie armes Bundesland, Ost wie West, Nord wie Süd)

Glücklich werden wollen die meisten Menschen in einer Liebes- oder Ehe-Beziehung, in einer menschlichen Partnerschaft. Viele wünschen sich die Liebe für das ganze Leben. Anscheinend gibt es das nicht. Richtig, Glücklich-werden nicht, jedoch Glücklich-Sein, denn Glücklich-Sein ist ebenso immer vorhanden wie die Liebe. Beides steht uns jederzeit zur Verfügung. Sie sind immer da. Liebe und Glücklich-Sein wollen aber erlebt, nicht erjagt werden. In dem Maße, indem wir in der Lage sind, die Jagd nach Liebe aufgeben zu können, können wir sie erleben.

Das vor dem Erleben der Liebe und des Glückes liegende Hindernis ist der Verstand. Um lieben zu können, muss man erst den Verstand verlieren. Das ist leichter gesagt, als getan, denn jeder Mensch kann nur das geben, was er erhalten hat (hinsichtlich der Liebe) und so tragen Mann und Frau den „Stallmist ihrer Kinder- und Jugendzeit an ihren Stiefeln“ und treten damit in ihre Beziehungen hinein und darin herum. Deshalb hat die liebende oder eheliche Beziehung oft eine therapeutische Funktion und ist stets das Schlacht-feld menschlicher Beziehung. Hat beides seine Funktion erfüllt, dann hat sich auch die Beziehung erledigt, denn man kann nicht lieben, was man braucht. Oft ist schon die Partnerwahl an sich prognostizierbar konfliktreich, weil der Partner neurotisch besetzt wird. Die meisten Menschen wählen immer den Partner (unterbewusst), von dem sie glauben, dass er ihre bewusst oder unbewusst erfahrenen Mängel am ehesten ausgleicht oder kompensiert. Der Mangel bestimmt unser Dasein. Was wir dabei nicht bedenken: Häufig ist der Partner die Summe der eigenen Neurosen. Direkter als jede wissenschaftlich begründete Aussage, deutlicher als alle psychologischen Abhandlungen, sagen es einige Werke der Literatur oder des Films, z.B.:

– Tolstoi „Kreuzersonate“

– Ibsen „Nora oder ein Puppenheim“

– Hesse „Rosshalde“

– Albees „Wer hat Angst vor Virginia Wolf?“

– Shakespeare „Othello“

– oder Ingmar Bergmanns Film-Trilogie: „Szenen einer Ehe“.

Liebe aber ist immer da im Leben. Leben ist, wie es ist. Liebe ist immer, so braucht sie nicht erst begründet zu werden. Verstand muss immer begründen.Begründen wir unsere Liebe, dann ist sie nicht. So steht unser Verstand der Liebe im Wege. Liebe ist nichts anderes, als die fundamentale Verbundenheit mit dem Universum. Liebe ist zwar etwas, was wir neben Nahrung und Luft unbedingtzum Leben benötigen, aber wir müssen sie nicht von einer bestimmten Person erhalten, denn die Quelle der Liebe ist nicht der andere Mensch. Jeder Mensch ist so, wie er ist. Jetzt können wir jede Beziehung, ohne Angst und ohne Not, eingehen. Beziehung ist das, ohne das wir unsere Existenz nicht erleben können. Wir brauchen Liebe, um überleben zu können. Und wir wollen angeblich Liebe. In Wirklichkeit erwarten wir jedoch, dass unsere Bedürfnisse und Wünsche in einer Partnerschaft befriedigt werden, z.B.: Sex, Zärtlichkeit, Liebkosungen, Gespräche, Plaudereien, Anerkennung, Bestätigung, Loyalität, Hingabe, Freundschaft, Treue, Aufhebung der Einsamkeit, dass wir Recht haben, gemeinsame Entwicklung /Teilhabe an Dingen der Welt …

Werden diese Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt, manchmal auch schon, wenn nur eines nicht erfüllt wird, oder sich die Befriedigung nicht einstellt, dann gibt es Konflikte. Wiederholen sie sich, dann entstehen Krisen. Konflikte in einer Zweierbeziehung sind stets Konflikte und Krisen der individuellen Persönlichkeit. Die größte Gefahr in einer Partnerschaft ist allerding der Glaube, problematische und störende Verhaltensweisen wären allein das Problem und die Schwierigkeit des anderen. Das aber ist ein Irrtum. Jeder Mensch ist mit allem, alles. Alles kommt von ihm SELBST. Also ist es auch die Ursache des Erlebens von Konflikten in der Partnerschaft. Kein anderer. Auf dem Missverständnis, dass immer der andere es sei, einem falschen Verständnis von Liebe, dem falschen Bewusstsein über die eigene Liebesfähigkeit und der Weg und Irrwege der ICH-DU-Nähe, der „Selbstverwirklichung“ beruhen die meisten Störungen in einer Partnerschaft.

Die Bejahung des eigenen DA-SEINS, des eigenen, selbst-verantwortlichen Handelns, der lebensbejahende Einstellung und des Grund-Gefühl des Wohlbefindens entsteht in den frühen Jahren unserer Kindheit durch Zuwendung, Ermunterung zum eigenen Tun und das Zulassen von Gefühlen – durch den anderen. Es entsteht das ICH. Die Zuwendung zum DU wird möglich. Es kann das SELBST werden. Beziehungen und Partnerschaften können erlebt und gelebt werden, denn durch diese vollzogene Individualität ist das Leben in den verschiedensten Gruppen und Gemeinschaften möglich, ohne zu manipulieren oder manipuliert zu werden, ohne Angst vor Selbstverlust.

Er hat sich ja. Wer sich hat, wer ist, der kann sich auch dem anderen zuwenden, ohne Angst haben zu müssen, sich zu verlieren, der braucht auch nicht immer in all seinem Tun eine Bestätigung für sein „SEIN“ zu sehen.

Störungen der SELBST-Bejahung, der Individualität lassen Unterlegenheits-Gefühle entstehen. Beziehungen sind nur noch möglich mit „wenn“…, „weil“…., „aber“…,  denn kein Mensch kann auf die Dauer eine Unterlegenheits-Position ertragen, ohne insgeheim oder gar offen nach irgendeinem Herrschaftsstatus zu streben. Das aber bedeutet Krieg. Krieg in einer Beziehung bedeutet, den anderen ins Unrecht zu setzen. Es entstehen Konflikte, denn wer will schon gern Unrecht haben – aus Konflikten entstehen Krisen.

Die Beziehung funktioniert nicht mehr. SELBST-Akzeptanz und SELBST-Vertrauen ist jedoch bei Unter- und/oder Überlegenheits-Positionen nicht möglich. Wer akzeptiert (akzeptieren heißt ja geschehen, gewähren lassen), der kann vertrauen, der kann Liebe erleben – und nur der. Mindergefühle – entstanden aus Unter- und/oder Überlegenheits-Positionen – führen dazu (denn die psychische Dynamik des Menschen ist dazu da um Unlust zu vermeiden), dass wir, statt zu leben, lieber „Überlebens – Tricks“ anwenden, z.B.: Statt unsere Intelligenz, gebrauchen wir lieber den Verstand. Der Verstand ist aber damit beschäftigt, zu überleben. Erleben, wahrnehmen wir zurückgedrängt. Ein unendlicher Teufelskreis beginnt: Nicht wahrnehmen – nicht akzeptieren. Wahrgenommen wird, was der Verstand zulässt. Der Verstand sind wir aber nicht, also entstehen Mindergefühle und wir drehen uns immer im Kreis. Bezogen auf die Partnerschaft: Wir brauchen also, unmöglich kann man lieben, was man braucht. Liebe ist aber lebensnotwendig. Also brauchen wir den anderen, um Liebe zu erleben. Das wissen wir und so haben wir immer Angst, den anderen zu verlieren. Angst ist die Mörderin der Liebe. Statt zu lieben, projizieren wir die eigenen Normen auf den anderen: „Ich mag Dich, wenn Du meine Normen erfüllst“.

Die Überbetonung eigener Normen (Recht-haben-wollen) sind schlichtweg ein Ausdruck gestörter SELBST-Akzeptanz und führt zur Isolierung. Wer stark in eigenen Normen lebt (ganz gleich welcher Art und welchen Inhalts sie auch sein mögen), hat ständig Erwartungen an sich selbst und an andere und so ständig auf Kollisionskurs. Willkommen Konflikte.

Mein Leben ist schön, aber mit Dir gemeinsam ist es noch schöner – und nicht, weil…, wenn…, aber…,

Zuwendungsentzug und Zwang zur Zuwendung sind die schlimmsten Anzeichen für eine Krise in der Partnerschaft. Die meisten Menschen sind sich über ihre eigene Liebesfähigkeit völlig im Unklaren oder stellen diese zumindest nach außen verbal anders dar. Viele glauben, dass nur sie lieben, der/die andere nicht. Weil es so ist glauben sie das Recht zu haben, hinsichtlich der Liebe an andere Erwartungen stellen zu dürfen. Das wird besonders im Verhältnis Eltern-Kinder sehr deutlich. In ehelichen oder eheähnlichen Partnerschaften ebenso.

Liebe definiere ich als die Fähigkeit eines Menschen, für einen Menschen alles zu tun, ohne dafür etwas von dem anderen zu erwarten. Liebe ist nicht an einen bestimmten Menschen gebunden, sondern immer da, sie ist universal. Liebe ist ein Gast, der nur kommt, wenn er nicht kommen muss – und nur wenn sie nicht muss. Liebesfähigkeit heißt für mich demnach eben auch, ihren Besuch nicht zu fordern und auch nicht zu versuchen sie von anderen zu bekommen. Ich liebe Dich – liebst Du mich auch. Nein.! – lediglich: Ich liebe Dich. In dieser Hinsicht sind die wenigsten Menschen liebesfähig. Das ist jedoch sehr schwer erkennbar, denn die meisten Menschen sanktionieren längst die Symbole der Liebe, als die Liebe selbst. Die meisten Menschen leben hinsichtlich der Liebe und Liebesfähigkeit jahrzehntelang, manche ein Leben lang, in einem Irrtum. So ist es auch gar nicht verwunderlich, dass viele Menschen eine Krise in ihrer Partnerschaft gar nicht wahrnehmen, weil sie ja die Konflikte auf und durch ihre Partnerschaft ganz anders interpretieren. Allenfalls merken einige es an der Häufung von Konfliktsituationen (vor allem immer derselben) oder am gegenseitigen Vorhalten „guter Taten“ – oder wenn es wirklich längst zu spät ist. Und noch etwas ist wichtig und entscheiden: Liebe ist nicht gleich Sexualität und auch nicht unabhängig von Sex. Sex macht Spaß und Vergnügen und ist gut – ungeachtet dessen, was oder wie Sie darüber denken, Sex ist aber nicht identisch mit Liebe. Wohl aber ermöglicht die Liebe ein erfülltes und befriedigendes Sexual-Leben. Allerdings sind nach meinen Beobachtungen die meisten sexuellen Verhaltensweisen mehr durch Selbstliebe bestimmt. Der Partner soll durch Sex die eigene Existenz bestätigen. Geliebt werden ist häufiger gefragt, als zu lieben.

Liebe kennt keine Erwartungen, keine Spekulationen, kein Besitzen, kein Weglaufen, keine Lässigkeit. Liebe kennt nur Verantwortung.

Zur Liebesfähigkeit gehört zwar auch das vorübergehende Vernachlässigen der eigenen Person, nie aber Martyrium, welcher Art auch immer. Dazu gehört auch, nie aus einer Beziehung wegzugehen und auch nicht durch seine Verhaltens-weisen den WEGGEH-(Flucht-) Mechanismus zu aktivieren: „So, wenn das nun so ist, dann gehe ich lieber …“ – „Den Streit nicht beenden, klären, lieber in die Kneipe, die Arbeit gehen…“

Hier spielt wieder der Verstand eine Rolle, er sagt, als Endergebnis, als Summe, als Resultat aller Betrachtungen musst du gehen (rein mechanischen, maschinengleicher Vorgang, nicht jedoch Liebe) und man kann dieses Gehen auch als gerechtfertigt empfinden. Liebesfähigkeit aber sagt, ganz gleich, was in meinem Verstand hochkommt, ich bleibe. Jedoch: Der ängstliche Mensch kann nicht lieben, ist kaum liebesfähig – Er wird daher eher seinen Verstand gebrauchen. Der sagt ihm, was Liebe ist.

Da sind sie schon wieder, die Konflikte.