In der Stille liegt die Kraft oder wenn der Verstand still wird beginnt das Verstehen. Präsent zu sein in einer Welt voller Lärm, Anspannung, Sorge, Widersprüche, ist nicht ganz einfach. Sich zu behaupten gegen die Vielschätzer, Schönredner, Alltags-Prahler, Verschwörer, Besorgnisträger und anderen Hilflosen auch nicht.

Es gibt eine Kraft, die mir hilft, diese laute „Un-Wesentlichkeit“ zu ertragen: „Kraft der Stille“ – Körper-Weisheit – Körperwahrheit. Gemeint ist, den Zusammenhang von Körper, Geist und Seele wirklich zu spüren, auch dann, wenn mich der Alltag zu überrollen droht. Es geht nicht um Schweigen, nicht um Meditation, sondern es geht um das persönliche, individuelle Können, den Verstand still werden zu lasen. Er muss still werden, weil er den Lebensraum einengt, die Fähigkeit einfach leben zu können minimiert. Leben ist wichtig, nicht bloß nur zu funktionieren. Denn dann wird Leben zur Angst, Angst zur Abwehr, Abwehr zu Stein. Spüre ich mangelnde Zuwendung, dann ist es für mich bedrohend. Ich kann diese Bedrohung noch nicht bewusst machen, es entsteht Angst. Aufgabe der psychischen Dynamik eines Menschen ist es, Angst abzuwehren, Unlust zu vermeiden, es entsteht Abwehr. Welche Ambivalenz – und dann glauben wir, dass wir uns als Erwachsene immer entscheiden können???

Welch´ ein Irrtum. Über die Entscheidungsnöte vieler Menschen könnte ich Ihnen viel erzählen, allein aus den Begegnungen mit Erwachsenen – ganz gleich ob privat oder beruflich. Um überleben zu können, muss etwas her, was mir das Überleben sichert. Gemach, es ist wie bei den früheren Cowboy – Filmen, die rettende Kavallerie naht: Unser Verstand!

„Versteh doch“ – „Das musst Du doch verstehen“ – „Hast Du mich verstanden?“ wird häufig gesagt, auch dann, wenn es noch um eine reine Gefühlswelt geht: „Ja, ich liebe Dich, aber Du musst doch verstehen…“

Schulung des Verstandes hat Tüchtigkeit zur Folge. Wissen, Tüchtigkeit und Ehrgeiz sind die wichtigsten Dinge, die unsere Art der Erziehung und so genannten Bildung fördert. Nichts gegen Wissen, nichts gegen Tüchtigkeit und Ehrgeiz, auch nichts gegen Erfolg, – sie sind unerlässlich -, wenn jedoch der Hauptdruck allein daraufgelegt wird, dann führt es eher zur Verwirrung und zu unnötigen Konflikten als zu einem selbst bestimmten, freudevollen Leben.

Sei stark! – Lass dich nicht unterkriegen! – Zeige keine Gefühle! – Öffne dich nicht! – Lass andere nichts wissen! – Zeige dich nicht!  – Besser, schneller, reicher!

Alle diese häufig genannten Metaphern des Erfolges verfehlen kaum ihr Ziel, auch dann nicht, wenn die, die es sagen, nicht gerade erfolgreich sind.

Erfolglosigkeit das Bemühen eines Menschen, das zu sein, was er nicht ist.

Der Umgang mit menschlichen Wesen, die eindrucksvoll, unbeständig, angstvoll, zärtlich, traurig, wütend… sind, verlangen viel, sehr viel Verständnis, Kraft, Geduld und Liebe. Haben wir das nicht dann suchen wir nach leichten und schnellen Hilfsmitteln und hoffen, hoffen auf ein wunderbares, selbsttätiges Ergebnis. Wir finden diese schnellen und leichten Hilfen in Methoden und Techniken und Theorien. Hoch lebe unser Verstand! Ihm opfern wir unser SELBST! Das Gefühl ist da nicht hilfreich, der Verstand schon eher, also fördern und entwickeln wir unseren Verstand. Wir geben und selbst auf, damit wir dem, was man mit uns macht zustimmen zu können, um zurechtzukommen.

Der Verstand ist ein Organsystem, das das ganze physische Wesen miteinschließt. Zweck des Verstandes ist es, zu überleben und er wird fast alles tun, um dieses zu erreichen. Meist auf Kosten des eigenständigen, selbst bestimmten Lebens. Manchmal hat eine Sache innerhalb des Verstandes einen höheren Grad der Wichtigkeit und das ist: recht zu haben – manchmal todsicher.

Der Verstand erreicht seinen Zweck seiner Selbsterhaltung durch die Speicherung von Spuren der Erinnerung von Ereignissen noch während sie passieren und dem Abrufen dieser Erinnerungen, wenn sie für die Überlebens-situation gebraucht werden. Das ist gut und richtig so. Im Laufe seines Lebens aber werden eine Reihe von „falschen“ Verknüpfungen vorgenommen. So kommen eine Reihe von Glaubensinhalten in unseren Verstand, ungeprüft auf ihre Anwendbarkeit für uns selbst, noch das es für uns erkennbar wäre, was die darauf beruhenden Handlungsweisen mit unserem Überleben zu tun haben – obwohl es ursprünglich mal deren Zweck war.

Der Verstand ist eine JA/NEIN – RICHTIG/FALSCH – Maschine. Das Leben ist nicht so – es ist eben viel differenzierter. So kommt es zum Krieg zwischen Verstand und Wirklichkeit. Streitgespräche im privaten und beruflichen Alltag sind da ein gutes Beispiel. Der Verstand kann uns niemals zur Ganzheit führen, er hat ganz andere Aufgaben. Solange wir uns nur auf unseren Verstand verlassen, werden wir nicht durch das Leben gehen, sondern durch das Leben hinken. Verstand wird aber immer stärker gebildet, meist auf Kosten unseres Gefühls. Damit das nicht so arg weh tut haben wir Verstand und Gefühl getrennt – und humpeln weiter.

Doch wo ist da die rettende Idee? Statt zu leben und mein Leben zu leben, wie es ist, lebe ich das Leben eines anderen – als Krüppel, als Kopie.

Leben und Liebe erfordert Teilnahme. Der Verstand wird da wenig erfolgreich sein, da ihm ja nur die mechanischen Bewegungen einer Beziehung zugänglich sind. Der Verstand braucht und im Zustand des „Brauchens“ kann man nicht lieben. Sie können nicht lieben, wen oder was Sie brauchen. Um die Liebe zu einem Menschen immer wieder erleben zu können, ist es also notwendig, den Verstand genau und wachsam zu beobachten. Deshalb ist die SELBST-ER-KENNTNIS für uns Menschen so wichtig.

Ohne SELBST-ER-KENNTNIS hängt alles Denken in der Luft, fehlt jeder gewonnenen Überzeugung die sichere Grundlage: Wie kann man die Wahrheit finden, wenn man sich nicht zuerst selbst durchschaut? Ohne Selbsterkenntnis fällt man der hoffnungslosen Illusion anheim. Erst wenn unser ganzes Bewusstsein zur Ruhe gekommen ist und schweigt, wenn alles „WERDEN“ aufgehört hat und die Freiheit des SEINS an seine Stelle tritt, erst dann entfaltet sich die Fülle des Unermesslichen. Der Verstand kann aber nur still werden, wenn er nicht auf seine Weise erlebt wird, das heißt, nicht einordnet und benennt, nicht aufzeichnet und im Gedächtnis verwahrt. Dieses Benennen und Einordnen ist ein unterbrochener Vorgang, der sich nicht nur an der Oberfläche des bewussten Denkens, sondern in den tieferen Schichten des Bewusstseins vollzieht. Der Verstand kann nämlich nur mit seinen eigenen Vorstellungen operieren, sein Stoff kann nur sein, was aus ihm selbst hervorgegangen ist, er hat keine Beziehung zu dem, was nicht aus ihm selbst stammt. Wenden wir den Verstand an, dann erleben wir ein perfektes Perpetuum mobile – mehr nicht.

Stille stammt nicht aus dem Verstand, also kann er sie auch nicht pflegen, nicht üben, denn er hat keine Beziehung zu ihr. Das Wesen der Stille kann durch Worte nicht erfasst werden.Stille ist ein Teil des eigenen ICH’s. Stille ist, wenn ich die Weisheit meines Körpers spüre, wenn ich die Kraft meines Körpers zur Kraft meines Geistes werden lasse, wenn Körper, Geist und Seele Eins werden. In der Stille gehen wir durch das Jetzt hindurch und sehen uns selbst in einem anderen Raum.

Man kann hier einen Vergleich mit dem Tennisspielen, Golfspielen, Elfmeterschießen oder dem Bogenschießen anstellen: Viele Menschen (jung wie alt) klagen darüber, dass sie, obwohl sie sich jahrelang in der Kunst des jeweiligen Spiels geübt haben, noch immer Herzklopfen bekommen, ihre Hand zittert, sie ihr Ziel verfehlen. In der Kunst des Spiels werden unsere Fehler sichtbarer. An einem Tag, an dem Du für das Leben keine Liebe empfindest, wird Dein Schlag. Dein Schuss unvollkommen sein, und Dir fehlt die Kraft, genau das zu tun, wie Du es solltest. Und wenn Du deinen unvollkommenen und ungenauen Schlag oder Schuss betrachtest, um herauszufinden, was zu dieser Ungenauigkeit geführt hat: Damit wirst Du dich einem Problem stellen, das dich stört, dir aber bislang verborgen war. Du entdeckst das Problem, das darin bestand, dass Dein Körper gealtert, Du nicht anmutig, aufmerksam, konzentriert, ruhig, gespannt genug warst. Änderst Du die Haltung, richtest Du Dich ganz auf, stellst Du dich beherzt der Welt. Wenn Du an deinen Körper denkst, denkst Du auch an Deine Seele, und dies kommt beiden zugute.  Gehe durch Deinen „Raum“ hindurch. Mit festem Schritt und freudig, ohne Angst davor zu stolpern. Alle Bewegungen werden von Ihren Verbündeten begleitet, die Ihnen zu Hilfe kommen, falls es notwendig sein sollte. Aber vergiss nicht, dass auch der Gegner Sie beobachtet und den Unterschied zwischen einer festen und einer zittrigen Hand kennt. Atme daher tief ein, wenn Du Dich angespannt fühlst, glaube, dass Du ruhig bist, und – wie durch ein Wunder – wirst Du auch tatsächlich ruhig werden. Gehe in dem Augenblick, in dem Du eine Entscheidung triffst, jeden einzelnen Schritt, der zu der Entscheidung geführt hat, im Geiste noch einmal durch. Und tust Du dies mit freiem Kopf, wirst Du sehen, welches die schwierigsten Augenblicke waren und wie Du sie überwunden hast. Das wird sich in Deinem Körper widerspiegeln, sei also aufmerksam! Das ist alles!

Der Verstand muss still werden, Die Stille wird Dein Verbündeter.