Diese Hypothese werden in 4 Teilen dargestellt. Teil 2, 3, 4 folgen in Abständen von 10 Tagen.

Hypothese 2: Wer will schon SELBST-ERKENNTNIS? Wir alle spielen (lieber) Theater! Außerdem, die soziale Kompetenz verhindert den klaren Ausdruck der fachlichen Kompetenz?! Selbstdarstellung im Alltag.

Kleine Kinder glauben in einer wundervollen, kindgerechten Naivität, dass, wenn sie die Augen schließen, sie unsichtbar sind. Erwachsene benehmen sich oft genauso. Woher kommt die naive Infantilität des Erwachsenen? Woher diese Angst vor der Ehrlichkeit?

Vielleicht liegt es hierin begründet: Jedermann spürt, dass die Interpretation der Handlungen mehr zählt als die Handlungen selber. Daher machen wir uns stets Gedanken darüber, wie unser Verhalten ausgelegt werden könnte. Verhalten wird geändert, geübt, trainiert. Kaum haben wir uns an das „neue“ Verhalten von uns selbst oder einem anderen gewöhnt, empfanden es sogar als nützlich und gut, schon werden wir damit konfrontiert, dass ein und dasselbe Verhalten nacheinander gänzlich anders ausgelegt wird. Wir beurteilen nicht die Haltung oder die Handlung eines Menschen an sich – selbst nicht unsere eigene – , sondern die Interpretation, die wir ihr geben. Das ist ein Teufelskreis.

Daraus herauszutreten wird eher möglich sein durch das zähe Ringen um das Wissen und die Erkenntnis der natürlichen Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen, dessen urteilsfreie Wahrnehmung und Akzeptanz. Das ist uns jedoch meistens verwehrt, denn die seit Jahrhunderten üblichen Erziehungs- und Bildungssysteme fördern eher Angst, Scham-, Schuld- und Mindergefühle. Du darfst nicht merken lautet das Credo einer solchen Erziehung. Nicht merken, dass wir alles Lebendige verfolgen, die Schwäche verachten, das Sein des anderen nicht wollen.

„Das stimmt doch gar nicht!“, werden einige entgegenhalten.

Oh doch, jeder, der einmal Mutter oder Vater war und noch nicht in einer perfekten Selbstverleugnung lebt, weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es einem Menschen fallen kann, bestimmte Seiten seines Kindes zu tolerieren. Dieses einzusehen ist besonders schmerzhaft, wenn wir das Kind lieben, es wirklich in seiner Eigenart achten möchten und es doch nicht können.

Jetzt kommen uns die Theorien über die sinnvolle Erziehung zu Hilfe. Wundervolle Ratschläge von Gleichgesinnten, eigenen Eltern, Freunden, Bekannten, besänftigende, beruhigende Impulse, Tipps und Hinweise durch so genannte Fachleute, Bücher, Seminare. Dabei vergessen wir eines: Wir bewegen uns im Bereich des Verstandes. Intellektuelles Wissen schafft keine Großzügigkeit und Toleranz. Das bloße Wissen über die Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung, Versorgung und Pflege schützt uns nicht vor dem Ärger und der Wut, wenn das Verhalten des Kindes unseren Vorstellungen oder Bedürfnissen nicht entspricht. Weil wir den Ärger und die Wut nicht ertragen können, wenden wir Erziehung an und machen das Kind zu dem, was es sein soll, damit es unseren Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. So sorgen wir dafür, dass Menschen wie aus einer Form gegossen sind. Diese praktizierte Erziehung macht unabhängiges Denken schwer. Gleichförmigkeit und Mittelmäßigkeit sind Trumpf. Das Einmalige, das Besondere wird systematisch verfolgt, denn sich zu unterscheiden, vielleicht gar (einzeln) Widerstand zu leisten, ist oft sehr gewagt, wenn man den Erfolg anbetet.

Also wird für die meisten Menschen das Verhalten wichtiger als das Sein. Angenehmes Verhalten wird belohnt, unangenehmes Verhalten wird bestraft Deshalb machen die meisten Menschen fast alles, was sie machen, mittelmäßig. Sie empfinden es als äußerst unangenehm, die volle Verantwortung für das eigene Dasein, die eigenen Handlungen, ja gar das eigenen Denken und überhaupt alles, was wir darin erfahren, zu übernehmen.

Ständig suchen wir nach Möglichkeiten, Schuld nach außen zu projizieren. Jeder ist Täter und Opfer in einer Person. Der vermeintliche Ausweg: Leimen und Linken sind In. Die flotte Unmoral ist modisch. Immer lockerer sind wir unehrlich und unanständig. Was uns gerade noch zurückhält, ist vielleicht die Angst vor Schimpf und Schande. So lange wir nicht entdeckt werden, unbelastet von Skrupel und Gewissen, von Bedenken und Ehrgefühl, wagen wir uns immer weiter vor. Und erst bei unseren menschlichen Begegnungen, den Konflikten – hat da nicht jeder so seine eigenen Waffen, seine eigenen Tricks? Sie reichen von körperlicher Kraft über Schwäche, Gebrechlichkeit, Erpressungsversuche, Schauspielerei, Krankheit bis hin zur Selbstmordandrohung.

All das verhindert jeglichen freien Antrieb und erzeugt Angst. Diese Angst löst eine Vielzahl von körperlichen Symptomen aus und schränkt das Denken und das eigene ICH ein. Anspruch und Handelung sind verschieden. Das soll jedoch keiner wissen, keiner merken. Unehrlichkeit kommt ins Spiel, Kaschierungen, Fassaden- und Imponiertechniken; einseitiges Verhalten rückt in den Vordergrund. Angst vor der Ehrlichkeit ist die Macht der Dummheit.!

Es folgen Teil 3 und 4.