Fühle ich was ich empfinde oder empfinde ich was ich fühle? –
Ein Plädoyer für das Erleben der eigenen Gefühle, auch der negativen – Teil 3

Teil 1 „Selbstgefühl – Selbstvertrauen“ endete mit dem Gedanken: „Denken und Handeln kann nicht von der Allgegenwärtigkeit unserer Gefühle befreit werden.“ – Teil 2 „Angst – habe ich nicht oder habe ich sie doch?!“ endete mit dem Gedanken:“Urvertrauen meint ein Gefühl tiefer Geborgenheit in sich selbst und dem Leben.“

Dieses Gefühl elementaren Vertrautseins, das weitgehend unser tatkräftiges, sinnvolles, konstruktives Handeln bestimmt, ist dem heutigen Menschen weitgehend abhanden gekommen. Oftmals aber ist die Lebensangst vieler Menschen aus verletzenden Bemerkungen der kindlichen Persönlichkeit gegenüber entstanden. Wer ständig hören musste, dass er letztlich zu jeglichem Tun unfähig sei, der nimmt diese Selbstzweifel fast mit der Muttermilch auf. Ein Kind das sich in starker, emotionaler Abhängigkeit zu seiner geliebten Bezugsperson befindet, glaubt schließlich, was diese ihm sagt.

Erst viele Jahre später zeigen diese seelischen Kränkungen ihre Krebsgeschwüre. Sie wuchern und wuchern.
Werden oft als Eigentliches gehegt und gepflegt. Aus eigener Kraft können sich die meisten seelisch Verletzten nicht mehr helfen. Oft genug geben sie all das Erfahrene und Erlebte ungeprüft weiter, an ihre Partner, schwerwiegender noch, an die eigenen Kinder. Man nennt es Erziehung.

So wirken Lebensangst und Mindergefühle als tragische Elemente ineinander. Der dadurch belastete Mensch lebt in seiner Selektion des Negativen, die ihn nur bedingt kommunikations-fähig sein lässt. Viele können so nicht mehr realistisch darstellen, was sie können. Statt miteinander zu arbeiten und liebevoll miteinander zu leben, wird darum gestritten, wer mehr Recht hätte – als wäre unser Leben und unsere Arbeit ein mehr oder weniger in einem Sack Müll, der entsorgt werden muss.

Um die Angst loszuwerden, ist es notwendig, die Angst zu akzeptieren, nicht die Angst abzuwehren oder gar zu verleugnen. Das ist nicht leicht und auch nicht selbstverständlich. Denn das persönliche Unterbewusste und das gesellschaftliche Unbewusste haben manche Abwehrhaltung geschaffen, um die Angst nicht anschauen zu müssen.

Wo der ängstliche Mensch noch als Versager gilt, darf das Menschsein nicht in seiner hilflosen Gebärde erscheinen.

Wer seine Angst annehmen kann, hat den ersten Schritt seines Handelns bereits getan, denn Handeln meint hier die innere Auseinandersetzung mit dem Angstinhalt. Dieser zunächst wohl stillen Betrachtung der Angst folgt das Gespräch über die Angst. Die Darstellung der eigenen emotionalen Erlebnisinhalte ist eine bedeutende Form kommunikativen Handelns. 

Die Angst anzuschauen und über sie zu sprechen, führt von der Verdrängung weg hin zu mehr Realitätsnähe. Wer seine Angst oder seine Ängste beschreiben kann, hat das Grundanliegen der Angst begriffen, nämlich ihren Aufforderungscharakter. Der Aufforderungscharakter der Angst liegt im Appell zum Handeln. Während er sich mit der Angstursache auseinandersetzt, reift er zu einer realitätsorientierten Persönlichkeit heran. Gefühle lassen sich nur durch Handeln ändern, denn das Tun eines Menschen prägt eigenes und fremdes Erleben. Die Form unserer Gedanken, die Art und Weise unserer Gefühle gleicht unserer Wahrnehmung und unserem Handeln. Unser Handeln regt unser Phantasie an, unser Vorstellungsvermögen. Das allein fördert den Informationsfluss zwischen rechtem und linkem Gehirn. Unser Gehirn wird funktionaler: Mehr denken, mehr fühlen, mehr erleben, mehr behalten.

Mensch – was willst Du mehr?