Stimmt das wirklich: Sind wir der, der die anderen meinen, der wir sind? Und wenn ja, wäre es nicht schrecklich oder zumindest alle unsere Arbeit an der Selbsterkenntnis von vornherein ad absurdum geführt? „Wir strahlen das aus, was wir tief in uns tragen!“ – sage und schreibe ich selbst, wenn es um den Sinn der Videoanalysen geht. Wenn das so ist, dann müsste eben auch das Feedback entsprechend sein und dann müsste der Satz vom Anfang lauten „Wer wir sind sagen uns die anderen –  immer aufgrund unserer Ausstrahlung.“ Oh Weia, stimmt auch nicht immer, denn bei den meisten Menschen besteht eine (meist) erhebliche Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild. Und um diese zu verringern, wären Informationen über die Wirkung unseres Verhaltens wesentlich. Wirklich?

Anscheinend, denn „Feedback“ ist üblich, modisch, findet sich in den unterschiedlichsten Methoden und Bezeichnungen wieder. Nur, können wir wirklich etwas damit anfangen? Und wenn ja, was? „Feedback“ hat einen festen Platz in unserer Lebenswelt gefunden zur Erklärung sozialer Beziehungen. Es soll den Wert des Verständnisses innerhalb eines bestimmten sozialen Status erklären können und dadurch helfen erwünschte Kommunikationsformen zu verwenden und sprachliche Änderungsprozesse leichter umsetzen. Besonders in konfliktbesetzten Interaktionen. Ist das im realen interaktiven Zusammenleben von Menschen wirklich möglich?

Nun eher nicht, denn solange es Menschen auf dieser Erde gibt, gibt es auch Vorstellungen von dem Menschen. Menschenbilder eben.  Das heißt: Ich kann meist nur das in und an einem Menschen sehen, was meiner „Welt“ entspricht. Feedback sagt also nur etwas über mich selbst aus und (fast) niemals über den, dem ich ein Feedback gebe. Bin ich der, der ich glaube, der ich bin? Antworten zu finden ist deshalb so schwer, weil die meisten Menschen noch nicht einmal ihr ICH verwirklicht haben. Sie mussten vor sich selbst und anderen ein anderer sein. Die meisten Menschen leben aus  ihrem Ego heraus. So klaffen Selbstbild und Fremdbild bei den meisten Menschen ziemlich auseinander. Das Ego entscheidet und verwirklicht einen Pol, z.B. ich bin gut, besser… , und schiebt den anderen Pol, unseren Schatten, der ja eigentlich zu uns gehört, auf das Außen. Die Bösen sind immer die anderen. So ist dann auch unser Feedback.

Etwas anschauen können ist die große Zauberformel der realistischen Wahrnehmung des eigenen und des fremden ICH. Videoanalysen können dabei hilfreich sein. Das Anschauen bringt Licht in das Dunkel des ICH, in die Verwirrung des Änderns. Anschauen und Erkennen können, dass es gut ist, wie es ist, ist ein Weg zum eigenen Bewusstsein. Der Mensch kann nur in seinem Bewusstsein lernen, reifen, erleben und erfahren. Jeder Wahrnehmung- und Verarbeitungsprozess geschieht innerhalb dessen. Wir strahlen das aus, was tief in uns tragen. Wenn eine Erkenntnis zutrifft, macht sie betroffen. Da jedoch bei allen Menschen die Kritikfähigkeit und die Kritikmöglichkeit unterschiedlich ausgeprägt sind, sollte jede Kritik sich selbst, als auch anderen gegenüber immer relativ formuliert sein, nie absolut.

Wenn Feedback, wenn diese Rückmeldungen wirkliche Sinn haben soll, dann allenfalls als Mosaiksteine zum Fremdbild. So erhält die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit einen neuen Impuls, eine neue Intension. Das Bild des Menschen wird klarer.