Linken und Leimen ist in. Die flotte Unmoral modisch. Immer lockerer sind wir unehrlich und unanständig. Es gibt viele Beispiele dafür. Jeder kann einige erzählen. Jeder war schon einmal selbst davon betroffen. Hilflos. Erstaunt. Baff. List und Tücke, der raffinierte Trick, die clevere Übertretung von Gesetzen, Geboten, Abmachungen, Versprechungen, die immer neuen Ausreden, das „Gemeckere“ über Entscheidungen des Schiedsrichters beim Sport oder die Larmoyanz über politischen Handlungen, all das ist doch nur etwas für Unterdrückte, für Unfreie.

Der Mensch mit Selbstachtung hat den Trick nicht nötig. Er steht zu seinen Werten. Wollen und Tun stimmen überein. Anspruch und Handeln sind nicht verschieden. Absicht und Handeln sind identisch.

Die Wandlung des Menschen zu mehr Fairness, mehr Bewusstsein für das eigene Denken und Tun trägt meine Arbeit. Nicht immer ganz leicht. Ich will mehr Fairness, soziale Verantwortung, Gerechtigkeit in allen Bereichen der Gesellschaft. So ist es mir ein tiefes Anliegen, mich über das Vermitteln bloßer Techniken hinwegzusetzen, die allenthalben und so oft und oft auch erfolgreich angeboten werden. Nichts gegen Technik. Eine Technik hat die Aufgabe, eine Kunst (ein Können) zu vervollkommnen. Das ist ihr Hauptanliegen. Sich ausschließlich darauf zu kaprizieren bedeutet aber, wesentliche Anteile der Persönlichkeit nichtzu nutzen. Ist das sinnvoll?

Egal worum es geht, es geht immer darum, das Persönlichkeitsbild eines Menschen, mit all seinen Elementen, für den anderen sichtbar, spürbar werden zu lassen.

Es ist ein schier unendliches, manchmal auch „unsinniges“ Bemühen.Und doch – wenn wir einem Kind bei seinen ersten Gehversuchen zuschauen, sehen wir seine zahllosen Fehlschläge; die Zahl der Erfolge ist gering.Beschränken wir unsere Beobachtungen auf einen nur geringen Zeitraum, ergäbe sich ein grausames Bild. Aber wir sehen, dass trotz der wiederholten Fehlschläge die Triebkraft der Freude in dem Kinde wirkt, die ihm bei seinen scheinbar unmöglichen Unternehmen hilft. Anscheinend denkt es nicht so sehr an die vielen Male, bei denen es hinfiel, sondern an die Kraft, das Gleichgewicht, wenn auch nur für einen Augenblick, zu halten.

Das was wir alle hinsichtlich der Fairness, der Gerechtigkeit erleben, erleiden, gleicht genau diesen Missgeschicken bei kindlichen Gehversuchen. Es wird uns Tag für Tag immer wieder aufs Neue bewusst, wie unvollkommen unser Wissen, unsere Kraft, unsere Willensbestätigung ist, gegen das alltäglich Böse anzukommen.

Ja – würden wir für unsere Betrachtungen nur ein begrenztes Gebiet oder einen knappen Zeitraum wählen, dann nehmen unsere einzelnen Misserfolge ein gewaltiges Ausmaß an. „Gott sei Dank“ führt uns das Leben instinktiv dazu unser Blickfeld zu erweitern. Es gibt uns nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Kraft, uns über die augenblickliche Mangelhaftigkeit hinauszutragen. Es ist die Kraft der Zuversicht, die stets allen augenblicklich engen Erfahrungen vorauseilt, es ist der unverwüstliche Glaube an das Unendliche in uns. Diese Kraft kennt keine Grenzen.

Die Frage, warum es das Übel in der Welt gibt, warum es viel reale Ungerechtigkeiten, warum Unfairness eher triumphiert, als das Leben in sozialer Verantwortung zu leben, ist die gleiche Frage, warum es überhaupt Unvollkommenes gibt, genauer, warum, es denn überhaupt Schöpfung gibt.

Schöpfung ist immer Unvollkommenes. Das aber berechtigt zu Hoffnung, dass es auch etwas Vollkommenes gibt. Das Übel, die Unfairness, die Egozentrik – ist sind nicht die letzte Wahrheit, nicht endgültig? Gelebte Fairness ist eben auch möglich.

Jeder Fluss hat seine Begrenzung, seine Ufer. Aber ist der Fluss nur Ufer? Oder sind die Ufer die letzten gültigen Tatsachen, die das Wesen des Flusses bestimmen? Gibt nicht gerade das Hindernis des Ufers seinem Wasser die Vorwärtsbewegung? Der Anker, die Trosse, die das Schiff fesseln, machen Sinn. Aber ist die Fesselung der Sinn des Schiffes?

Nicht darüber sollten wir uns wundern, dass es Übel in der Welt gibt, dass Hindernisse und Leiden, Unfairness und Ungerechtigkeit, sondern Gesetz und Ordnung, Bewegung und Begrenzung, Schönheit und Freude, Güte und Liebe.

Das ist die Grundlage für Freiheit und Lebensfreude. Die Grundlage für Neues durch Wandel. Das Übel kann den Lauf des Lebens nicht wie ein Straßenräuber anhalten und es seiner Habe berauben. Es kann nicht verharren, es muss immer weiter, denn es muss zum Guten werden. Diese Tatsache wiegt alle widersprechenden Erfahrungen auf. Selbst eine Räuberbande muss moralisch sein, will sie erfolgreich sein in dem sie den Zusammenhalt als Bande wahren will; d.h. ihre Mitglieder dürfen die ganze Welt berauben, nicht aber sich gegenseitig.

Wir sind dabei zu versuchen, Krankheit und Tod zu überwinden, Schmerz und Armut zu besiegen, langsam die Unendlichkeit des Kosmos zu begreifen. Die Erkenntnisse, die wir hier machen, führen uns dazu, dass Schmerz, Krankheit, Ohnmacht nichts Absolutes ist, sondern dass sie allein auf der mangelhaften Anpassung unseres Einzel-Ichs (egomanisches Verhalten) an die Wirklichkeit beruhen.

Ebenso verhält es sich mit unserem geistigen Leben. Wir schaffen das Gegenteil von dem, was wir wollen, selbst. Wir sind Verursacher von Schmerz, Leid, Freude, Liebe, Fairness, Unfairness, Gut und Böse. Folglich können wir es auch schaffen, der Fairness mehr Raum zu geben. Keiner von uns ist in dieser Hinsicht mehr allein, wir können hier unsere geistigen Kräfte bündeln.