Bin ich mir meiner Persönlichkeit bewusst, so wie sie wirklich ist und nicht wie ich meine, dass sie ist oder andre meinen, dass sie ist, dann spreche, arbeite, lebe ich so mit anderen, dass ich mit ihnen nicht nur meine Gedanken teile, sondern auch mit ihnen gemeinsam viel erlebe. Wunderbare, herrliche Erlebniswelt, die meine Gedankenwelt bereichert und die Grenzen meines Bewusstseins ein Stück erweitert. So wächst meine Persönlichkeit.

Voller Respekt, Achtung und Demut denke ich daran, wie oft die Gedanken meiner Lehrer“ meine Gedankenwelt bereichert haben, dabei mache ich keinen Unterschied, ob es die meiner Putzfrau, meines Bank-Filialleiters, oder die anderer über alles geschätzten wie geliebten Menschen in meinen Leben, von denen ich einigen ganz nahe sein durfte, andere nur durch ein Medium oder von Ferne erleben und erfahren konnte. Sie alle sind in mir.

So scheint mir Lehrer zu haben elementar im Leben zu sein. Oder anders ausgedrückt: Die Qualität des eigenen Lebens wächst direkt proportional zur Anzahl der Lehrer und Lehrerinnen, die wir im Leben haben. Welch ein wundervolles Potential nicht immer alles allein machen zu müssen. Welch ein wundervolles Potential für Leben, Sprechen, Arbeiten.

Wie steht es denn damit in Wirklichkeit? Sind wir bereit und Willens Lehrer zu haben?

Nein, in Wirklichkeit ist es doch so, lieber keinen Lehrer, in welcher Form auch immer, zuhaben. Gibt man das zu, dann werden die Leute denken, es stimmt etwas nicht mit einem. Und wenn es schon erforderlich ist, beim Führerschein, einen PC zu bedienen, dann aber schnell wieder weg, klamm heimlich, verniedlichend darüber sprechen. Kaum jemand von den Erwachsenen hat Kontakt mit Lehrern. Woher stammt dieses Tabu gegen Lehrer?

Einen Hausarzt, einen Zahnarzt, einen Lebensmittelhändler, gar einen Therapeuten, einen Anwalt oder einen Berater zu haben, das ist in unserer Welt noch völlig in Ordnung, aber Lehrer zu haben, das erscheint vielen als absonderlich. Dabei weiß ich aus eigener Erfahrung, dass es mir immer dann ganz gut geht, je mehr Lehrer ich in mein Leben gebracht habe, ich für mich akzeptiert habe. Eigentlich kann ich gar nicht genug davon kriegen. Andere wissen auch, dass ihre Lebensqualität ebenso proportional zur Anzahl ihrer Lehrer wächst. Warum also dieses Tabu gegen Lehrer?

Es ist die übliche Verschwörung. Es ist die übliche Verachtung der Schwäche. Die Verschwörung, über die selbstverständlich keiner spricht, sogar wenn man jemanden darauf anspricht, würde es dieser entschieden verneinen, die darin besteht, die Qualität der Lebenserfahrung auf einem möglichst niedrigen Niveau zu halten. Niedrig zu halten, damit es immer etwas geben wird, was gerade jenseits liegt und zu dem man aufsteigen kann. Niedrig zu halten, dass man vor allem nicht merkt, dass die Horizonte des Menschen grenzenlos sind. Niedrig gehalten, dass wir nicht merken, dass wir vollkommen sind. Lassen wir nun Lehrer zu, dann geben wir allen anderen an dieser Verschwörung beteiligten Unrecht. Unrecht, das ist das allerwenigste was wir Menschen haben möchten.

Lassen Sie mich hier eines versichern, Lehrer in Ihrem Leben zu haben, ist kein Zeichen von Unvollkommenheit, Lehrer in seinem Leben zu haben ist kein Zeichen von Schwäche und Kleinheit, nein, denn Lehrer im Leben zu haben, dass belebt. Es gibt einfach keine Grenze bis zu der Sie die Qualität Ihres Erlebens des Lebens erhöhen können. Es gibt da kein Ende der Wahrnehmung. Kein Ende des Wissens. Der Raum in Ihrem Leben für all das muss größer, statt kleiner sein. Der Raum muss vielen Lehrern Platz bieten. Lehrer bedeuten, erleuchtet sein, groß sein, stark sein. Lehrer zu haben bedeutet zu üben. Es macht einfach einen Unterschied, ob man übt, um Meister zu werden oder ob man als Meister, übt. In dieser Hinsicht sind wir Menschen alle Meister – nur dann nicht mehr, wenn wir Lehrer aus unserem Leben verbannen. Denn wenn alle Meister sind, wer sind dann die Schüler. Ist es eben nicht besser, wenn wir Schüler sind, also Lehrer haben? Schüler sind Lehrer. Lehrer sind Schüler. Meister zu sein, bedeutet am Ende zu sein. Wollen wir das wirklich?

Sich-selbst-bewusste Menschen wollen direkt und jetzt leben und erleben, die kann man nicht mit Versprechungen auf die Zukunft abspeisen.

„Carpe diem – quam minimo credula postero“(Horaz)