Davor habe ich über die Auswirkungen der Konflikte auf die Partnerschaft und den Körper geschrieben. Hier und jetzt über die auf die Arbeit und den Beruf. Diese selektive Betrachtung ist der genauen Schilderung geschuldet, nicht jedoch der Wirklichkeit. In Wirklichkeit ist alles miteinander verbunden. Alles ist in einem engen, gar sich bedingenden Zusammenhang und auch so zu verstehen.

Die meisten Menschen verbringen den größten Teil ihrer wachen Zeit mit Arbeit an einem fremdbestimmten Arbeitsplatz und oft in einem Beruf, dessen Wahl an sich neurotisch besetzt war.  Neurotisch besetzt, weil eigentlich nicht gewollt oder es „die Umstände“ erfordert haben. Welch ein Tummelplatz für Konflikte und Krisen.

Die Berufswahl deshalb, weil der Beruf oft nicht des Werdens wegen gewählt wird, sondern eher wegen des Habens: Was bringt es mir? Werden geht von den Fähigkeiten, dem Talent und der Begabung des Individuums aus, während „Haben“ versucht, Fertigkeiten, Methoden und Techniken schnell zu erwerben, sie schnellstens anzuwenden, um damit etwas zu bekommen. Arbeit deshalb, weil in der bestehenden Arbeitswelt immer noch weitgehend andere mitmenschliche Beziehungsformen als in den übrigen sozialen Sektoren (Familie, Freizeit) herrschen, d.h. bewahrt der, der arbeitet, in den Demokratien, in politischer, religiöser und denkerischer Hinsicht gewisse Freiheiten und herrscht in diesen Sphären des Lebens mindestens eine Annäherung an Gleichheit, z.B. der Geschlechter, des Standes, so hat sich in der Arbeitswelt die alte, autoritäre Struktur aufrechterhalten, z.B. das Produzentenrecht geht vor Verbraucherrecht; der der das Kapital gibt, der gibt die Richtung an. Auch da, wo scheinbar demokratische Formen den Einzug gehalten haben, z.B. Organisations-Entwicklung. Auch steht der Mensch in der Arbeitswelt weiterhin unter Zwang und Angst. Seien diese nun verinnerlicht oder nicht. Immer noch herrscht die Angst, seine soziale Stellung durch den Verlust des Arbeitsplatzes zu verlieren. Unter Zwang, sich aus diesem Grunde zu fügen.

Menschen arbeiten für zwei ganz legitime Zwecke. Der erste Zweck ist das Überleben, die existenzielle Versorgung. Der zweite Zweck ist, einen Beitrag zu leisten. Den zweiten Zweck erreichen nur wenige Menschen – auch Selbständige, Freiberufler, Unternehmer, Millionäre nicht.

Unsere Gesellschaft ist eine „Leistungsgesellschaft“. Unter Leistungsgesellschaft verstehe ich, dass in ihrem Raume der Mensch nicht daran gemessen wird, dass er ist, sondern daran, welchen Nutzen er durch seine Leistung erbringt. Das alles und noch andere lebensfeindliche Faktoren irritieren den arbeitenden Menschen. Hinsichtlich seiner Ganzheit und den daraus resultierenden Bedürfnissen erlebt er Konflikte. Unglücklicherweise häufig unterbewusst, meist in Form von Krankheiten. Diese bringt er jedoch mittelbar mit der Art der Arbeit, nicht aber mit den Bedingungen der Arbeit in Zusammenhang. Vermutlich sind den meisten Menschen deshalb Konflikte auf und durch Beruf und Arbeit weniger bewusst. Aber auch, weil Krisen und Konflikte des Körpers, der Partnerschaft oft durch die Arbeit kompensiert werden; der Stellenwert und die Bedeutung einen Arbeitsplatz zu haben, Konflikte und Krisen nicht bewusst werden lassen.

Diese Bewusstseinstrübungen sind Einstellungen wie: Naja, es gehört halt dazu; was nicht sein darf, das ist nicht; Arbeits- und Berufswahl sind eh neurotisch und/oder fremdbestimmt; berufliches Leben überhaupt ist fremdbestimmt im Sinne von zwanghaft oder schicksalshaft; der Gelderwerb im Vordergrund steht, um nun sein Haben zu befriedigen, auch dann, wenn es längst über den eigentlichen Überlebenszweck und das Haben hinausgeht und dadurch das SEIN überdeckt.

Richtig bewusst wird es einigen Menschen erst in ihrer Lebens-Mitte, wenn durch bestimmte Ereignisse sich ihnen die Frage stellt: „War das alles?“ Auf einmal gerät alles in Bewegung, Kaschierungen platzen, Werte verändern sich, Normen werden überprüft, Lebensinhalte werden neu gesehen. Leben ist unteilbar. Die Merkmale für Konflikte auf und durch den Körper, auf und durch die Partnerschaft sind auch im Beruf und dem Arbeitsleben relevant. Zusätzlich gibt es ganz bestimmte Merkmale, die auf eine Häufung von Konflikten im Berufs- und Arbeitsleben hindeuten:

1. Identifikation – mit sich selbst, seinen Aufgaben, den Bedingungen, diese zu erledigen;

2. Mut zum Risiko – etwas zu wagen, Fehler anzunehmen, von selbst etwas zu tun;

3. Konfliktfähigkeit – als Akzeptanz (sich selbst/ den anderen).

Diese Merkmale realisiert, machen deutlich, dass der Schaffende sein Lebenswerk gewählt hat, seinen Daseinszweck erfüllt. Mit Feuer, Eifer, Intelligenz und Hingabe widmet er sich diesem und leistet so einen Beitrag im Leben. Das mündet in Harmonie und Zufriedenheit. Alles andere sind bloße „Lebenslügen“.

Die Krise im Beruf beschäftigt besonders den Mann, weil die Häufung der genannten Faktoren weniger bei Frauen vorkommt; die Frauen in diesen Jahren zu größerer Freiheit stimuliert werden; Frauen – mehr als je zuvor – in dieser Zeit als Konkurrentinnen für den Mann auftreten; Frauen manchmal funktioneller reagieren können, da sie ohnehin mehr als der Mann von dem Funktionieren des eigentlichen Lebens wissen und letztendlich weil zu dieser Zeit die Konkurrenz-Situation auf dem Arbeitsmarkt hoffnungslos macht.

Mangelnde Identifikation entsteht häufig aufgrund falscher Selbst-Einschätzung. Man hat Aufgaben übernommen, die überfordern, z.B. durch den Beförderungsmodus, weil man da so gelandet ist, weil man immer schneller, weiter, höher wollte, durch das „Peter-Prinzip“: Man wird solange befördert, bis man die Stufe seiner Inkompetenz erreicht hat; weil man keine andere Chance hatte oder wollte. Es ist deshalb fatal und ein Herd für Konflikte, weil für die meisten Menschen eine hohe Identifikation mit der fachlichen Kompetenz besteht, manchen gar am Leben hält. Im Laufe des Arbeitslebens wird die fachliche Kompetenz gefördert und entwickelt, mindestens aber erhalten, die soziale Kompetenz wird dagegen kaum in gleichem Maße bedacht. Alles wächst, nur die soziale Kompetenz nicht. Faktenwissen und Rechthaberei verhindern es. Aus der gespürten Differenz, denn im Leben wird mehr als nur der Fachmann verlangt, entstehen Spannungen. Nicht gelöste Spannungen führen zu Konflikten. Das Rationale steht im Vordergrund. Das, was gestern noch gut war, zählt plötzlich nicht mehr, es wird irrational, man versteht die Welt nicht mehr. Um die Irritation nicht zu merken, wird abgewehrt: Es wird zwar gearbeitet, jedoch ohne Identifikation, ohne Engagement. In der betrieblichen Fachwelt wurde dafür der Begriff „Innere Kündigung“ geprägt.

Egal wie, es ist Resignation bis hin zur Missbilligung aller Werte und Maßstäbe. Das jedoch nicht öffentlich, sondern lediglich innerlich. Trotz des Verbergens, weiß ja gerade der, der verbirgt, was Sache ist. Es entstehen Spannungen. Diese Spannungen erscheinen zunächst als erträglich. Später stellt sich das als ein Irrtum heraus, denn durch diese neuen Verhaltensweisen mehren sich die unangenehmen Erlebnisse, die Spannungen werden größer und größer, bis sie unerträglich werden. Dann beginnt kaum merklich die Flucht. Zunächst in „Nebentätigkeiten“, meist auch noch firmenwirksam sanktioniert, gar abgesegnet, z.B: Arbeit in Verbänden, Referate bei Tagungen, Seminaren, sogenannte Gutachterfunktionen, Hilfe als Experte oder Senior; später dann die Flucht ins Privatleben. Leidtragende dieser Flucht sind zunächst immer die Schwächeren, das kann man selbst sein, die Kinder, die Ehefrau, Mitarbeiter, Mieter, Nachbarn, Tiere. Wie will ich arbeiten, führen, leben, wenn ich mich nicht mehr identifiziere? So entstehen Trennungen im Leben: Privat und Beruf, Führung und Leitung, Rationalität und Emotionalität. Trennungen lassen uns und das was wir tun nur noch fragmentarisch erleben.

Es entsteht Versagensangst. Die Grundlage dafür entsteht jedoch nicht erst in unserem Berufsleben, sondern schon viel früher, nämlich in den frühen Jahren unserer Kindheit. Spürbar und erkennbar wird Versagensangst jedoch erst richtig so um die vierzig, die Kräfte lassen nach, Jüngere drängen nach vorn, neue Kriterien der fachlichen Kompetenz werden wirksam, junge Mädchen lächeln gütig zurück. Versagensangst ist das Ergebnis belasteter Eltern-Kind-Beziehung. Das Kind erhält Zuwendung, Zärtlichkeit, Geborgenheit, wenn es etwas leistet. Daraus entsteht der Gedanke: Ich bin gut, wenn ich etwas leiste. Leiste ich nicht, dann bin ich schlecht oder gar, dann bin ich nicht. Leistung ist gut und sinnvoll. Leistung aber als Maßstab für Selbst-Achtung ist weniger sinnvoll, denn die Leistung ist und bleibt nur ein Teil des SELBST. Leistung ist – zumindest in der Arbeitswelt – kein vorbehaltlos akzeptierter Wert mehr. Die Einstellung zu Arbeit und Beruf hat sich gründlich verändert. Leistung bedeutet in der heutigen Arbeitswelt immer häufiger, andere überzeugen zu können, Absichten zu erkennen, Motive zu verstehen, Konflikte zu entschärfen. Dieses Können heißt soziale Intelligenz oder Konfliktfähigkeit. Es ist oft wichtiger als Sachwissen. Manchmal erweist es sich als klug, das eigene Wissen nicht zu sehr herauszustreichen.

Etwas leisten hängt stark von der Verfassung unseres Geistes ab, also von der Fähigkeit Wissen zu mehren, zu verarbeiten und zu realisieren – arbeiten kann auch der Ungebildete. Man kann nicht ein Teil für das Ganze nehmen, nimmt man es aber, dann entsteht schnell die Angst vor dem Versagen, weil man ja es ganz und gar auf sich bezieht. Alles was zur Leistung gesagt wird, wird nicht auf die Leistung bezogen, sondern auch und gerade auf sich selbst. Das ist aber oft die Ursache für das Versagen. Schwach, fehlerhaft zu sein, das ist menschlich. Der Mensch arbeitet an seinen Fehlern. Der Perfektionist arbeitet nur an seiner Leistung. Leistung hat jedoch unendliche Maßstäbe. Konsequenz: Versagensangst. Oft hat aber die Versagensangst eine tiefe Wurzel in der Angst vor Liebes- und Zuwendungsentzug. Aus dieser Angst entstehen Argumentationsmuster, die an sich den Namen nicht verdienen, denn es sind lediglich Rechtfertigungen, Behauptungen, Begründungen, Zeugs für alles und jedes – nach dem Motto: „Lieber Gott Du kannst alles tun, jedoch lass mir nicht die Ausreden ausgehen.“ Genau daran ist das Merkmal Versagensangst erkennbar. Aber auch daran, die Angst zu versagen führt fast immer zu ÜBER-AKTIVITÄT, zu übersteigertem Ehrgeiz. Keine Zeit zu haben, Ruhe- und Rastlosigkeit kennzeichnen sind ein Ausdruck von Kompensation der Versagensangst. Manchmal profitiert kurzfristig das Unternehmen sehr davon.

Mangelnde Identifikation und Versagensangst führen unweigerlich auch zur mangelnden Konfliktfähigkeit, denn derjenige, der sich nicht mehr identifiziert und der Angst hat, dass seine Leistung nicht anerkannt wird, der wird sich auch kaum konfrontieren wollen. Konfliktfähig zu sein ist ein Merkmal der stabilen Persönlichkeit. Konfliktfähig sein heißt das Anderssein denken zu können und zu akzeptieren. Dazu gehört, die Kommunikation nicht nur als Informations- und Unterhaltungsbeitrag zu sehen, sondern als Bereicherung. Konfliktfähigkeit ist die Fähigkeit das Leben zu spüren. Der erwachsene Mensch ist nur insoweit psychisch wie gesund physisch, als er bereit ist, Konflikte als solches anzunehmen und sich mit dem Konflikt und nicht mit dem anderen Menschen auseinanderzusetzen. Als solches heißt, ohne sie zu bewerten. Konfliktfähig-sein ist Auseinandersetzung allein auf der Sachebene. Konfliktfähigkeit zeigt sich am deutlichsten durch eine besondere emotionale Ausdrucksfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Akzeptanz. Aus dieser Sicht ist das deutlichste Kennzeichen der mangelnden Konfliktfähigkeit, sich nicht entscheiden zu können – auf allen Ebenen des menschlichen Lebens (beruflich wie privat). Wer nicht entscheiden kann, erfüllt seine Aufgabe nicht. Wer nicht entscheiden kann, der kann auch nicht entschieden sein. Damit das nicht sichtbar wird, kommt es zu Kaschierungen. Manche sind wahre Meister in dieser Hinsicht. Im betrieblichen Bereich ist ein Merkmal dafür, das Führen mit Distanz. Das heißt ja, das man Abstand nimmt vom eigenen Tun. Das ist jedoch nicht möglich, denn Führen vollzieht sich nur direkt und konkret. Eine Zeit lang kann das kaschiert werden. Kaschierungen sind jedoch nicht Realität.

Es kommt vermehrt zu Konflikten – dann zu Krisen, dann zu Ideenarmut, Innovationsverlust, Erfolglosigkeit und schließlich zu Insolvenzen.