Ist Selbstbestimmtheit „blinder Eifer“ oder sinnreiche Entschiedenheit? Brauchen wir einen freien Willen und wenn ja, haben wir auch einen?

Was ängstigt uns Menschen eigentlich am meisten?

Ist es die Angst vor Verlust?

Ist es die Angst davor, zu viel entscheiden zu müssen oder zu können?

Ist es die Angst davor, gar nichts mehr entscheiden zu dürfen?

Ist es die Angst davor, etwa keinen freien Willen mehr zu haben?

Spricht man über den freien Willen, dann muss man eigentlich über Ängste sprechen. Was aber hat Angst mit freiem Willen zu tun?

Ist es nicht so, dass wir rund um uns und unsere Freunde, Mitarbeiter, Familienangehörigen tagtäglich mit vielen Erlebnissen und Ergebnissen die von „Willensstärke“ und „Ellenbogenfreiheit“ zeugen, konfrontiert werden. Seien wir ehrlich, nervt uns das nicht manchmal: Der letzte Parkplatz ist weg. Vordrängeln in der Schlange. Wenig Rücksicht auf Kinderwagen. Drängeln in der U-Bahn. Keine Rücksicht bei Kontaktbeschränkungen. Haben wir es also, ob wir nun wollen oder nicht, eher mit „schwierigen“ Mitmenschen zu tun? Wenn ich hier über den Wert der Willensstärke, gemeint als Selbstbestimmtheit, schreiben will, so könnte ich mich in den Augen mancher Zeitgenossen dem Verdacht aussetzen, ein lebensscheuer, realitätsabgelöster Mensch zu sein, denn Ellenbogenfreiheit und Willensstärke als Ausdruck von Lebensaktivität ist doch gerade in der Gegenwart unübersehbar. Wohin man auch blickt, überall begegnen uns die Errungenschaften menschlicher Willensstärke. Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz oder gar ihre Arbeit (Gastronomen, Künstler, Schauspieler, Tänzer, Sänger, Musiker, „Solo-Selbständige“) und müssen sich hinterher als Schmarotzer beschimpfen lassen. Politiker wie Manager bereichern sich an denen für die sie eigentlichen tätig sein sollen. Manche setzen sich bewusst über die Hygienevorschriften oder die Kontaktbeschränkungen hinweg. Sind das nicht genügend Ergebnisse überzeugender „Willensstärke“? Demonstrationen von Selbstbestimmtheit, Freiheitswillen, Grundrechte-Kämpfern?

Als unvoreingenommener Beobachter unseres gegenwärtigen Zeitgeschehens lasse ich mich jedoch vom Trugbild solcher Aktivitäten nicht sonderlich schrecken. Weiß ich doch, dass überaktives, Handeln aufgrund von „Willensstärke“ oder so genannter „Ellenbogenfreiheit“ eine Neurose kennzeichnen kann. Doch wie? Sind wir überhaupt frei in unseren Entscheidungen? Haben wir überhaupt einen freien Willen? Wenn man den Esoterikern und einigen Glaubenden bestimmter Religionen glauben darf, dann ist doch unser Schicksal vorbestimmt, also sind wir determiniert. Und dann der Chor Vieler, die sich bei eigenen Fehlern (die ja eigentlich für jedes menschliche Leben selbstverständlich sind) immer wieder darauf herausreden wollen, da sei die Kindheit dran schuld. Klar ist, dass unser gegenwärtiges Verhalten weitgehend von dem bestimmt wird, was wir in unserer Kindheit an Prägungen erhalten haben. Aber sind wir deshalb nicht mehr frei in unseren Entscheidungen?

Wenn das alles so richtig ist, dann brauchen wir ja auch nicht mehr zu entscheiden, dann können wir uns ja der Willkürlichkeit des Falls eines Würfels, des Drehen eines Glücksrades bedienen. Wunderbar: Keine eigenen Entscheidungen, keine Verantwortung. Warum dann mühen wir uns um unseren eigenen Willen, unsere Freiheit?

Also ist das wohl eines der geheimsten Geheimnisse in dieser Welt: Es gibt keinen freien Willen!

Da wir Menschen ja augenscheinlich leben, sind wir wohl ein Perpetuum mobile. Und wenn wir das sind, dann können wir ja auch auf das Glück setzen. Alles was geschieht, geschieht zwar durch uns, aber nicht von uns. Phantastisch! Blinder Eifer schadet nur“ – heißt ein bekanntes deutsches Sprichwort. Die meisten von uns haben damit so ihre Erfahrungen gemacht. In meiner Schulzeit zum Beispiel gab es noch eine Note für Fleiß. Aber fleißig sein bedeutet noch lange nicht, dass man auch etwas besonders gut macht, sondern nur besonders heftig.Scheinbar gibt es deshalb dieses Sprichwort. Es erinnert daran, dass man weniger etwas heftig machen muss, dafür aber eher etwas gut. Also nicht Entscheidungen treffen (Tür-öffnen-hindurchgehen-Tür-schließen-und-fertig), sondern Entschiedenheit, denn Entschiedenheit bedeutet, sich ganz einer Sache zu verschreiben und kein Hintertürchen offen zu lassen. Das ist eine überaus kreative und produktive Haltung

Betrachtet man aber den Arbeitsalltag, so stellt man fest, dass wir uns tatsächlich in einer Fleißgesellschaft, nicht aber in einer Leistungsgesellschaft befinden. Das Massenphänomen Burnout scheint es zu belegen.

Es ist keine Leistung etwas zu tun, was andere einem vorschreiben.

Leistung ist, wenn Arbeit und Tätigkeit einen Sinn stiften, wenn sie für den Menschen einen Zweck haben, der sich von selbst erklärt.

Eine Leistungsgesellschaft ergibt sich daraus, dass Menschen für das was sie tun, brennen, und nicht von dem, dem was sie tun müssen, „verbrannt“ werden.

Welchen Nutzen haben also „Ausgebrannte“? „Blinder Eifer schadet nur“ ist nicht nur ein Sprichwort, sondern Tatsache. Innehalten, anschauen, Achtsamkeit und Lust zur Leistung – das wäre doch eher was. Halte inne, gönne Deinem Denken Stille. Dein Denken ist das Delta Deines Könnens.