Vorurteile sind Voreingenommenheiten, die auch dann nicht geändert werden, wenn neue oder andere Informationen vorhanden sind. Vorurteile sind ein Ausdruck der Angststruktur eines Menschen durch die Unfähigkeit der Urteilsbildung. Statt ein Urteil zu bilden aufgrund erlebter, erfahrener Beobachtungen werden zur Absicherung, Abwälzung und Abwehr des eigenen autistischen Denkens Vereinfachungen (Vorurteile) gewählt. Dennoch sind sie weder psychologisch, soziologisch oder moralisch, weder gut noch schlecht. Eher sind sie unvermeidbar, weil ohne sie menschliches Zusammenleben erschwert wird. Vorurteile ziehen den Rahmen, innerhalb dessen wir das Wahrgenommene verstehen und interpretieren können oder gar wollen. Jeder hat seine Wirklichkeiten.

Je ähnlicher Vorurteilsstrukturen zweier Menschen sind, umso leichter fällt die Aufnahme des Sozialkontaktes im Gespräch und damit dann auch des Gesagten. Das ist aber nicht zu verwechseln mit Überzeugung – jemanden überzeugen können. Überzeugung ist ja die freiwillige Zustimmung zu einem sprachlichen Identifikationsangebot.

Was aber ist Wahrheit? Ich kann sagen, was ich denke; ich kann sagen, was ich für wahr halte. Aber kann ich DIE Wahrheit sagen? Das Problem besteht darin, das Wahrheit ein holistischer Begriff ist, der erst erfasst werden kann, wenn alle denkbaren Standpunkte eingenommen wurden. Dann aber lässt sich „Wahrheit“ nicht mehr aussprechen, denn Sprache ist polar. Wahrheit ist die Eigenschaft einer Aussage, die als Zeichen zutreffend den ausgesagten Sachverhalt als Bezeichneten wiedergibt, unabhängig von der Wirklichkeit oder der Gewissheit.

Wahres lässt sich prinzipiell bezweifeln. Somit ist auch ein gutes Argument daran erkennbar, dass  ihm sofort widersprochen werden kann. Richtig, es dient ja nur der Erhellung, Anschaulichkeit einer Aussage, Behauptung, These. Für die Wahrheit unterscheiden wir drei Welten.

Die erste Welt (W 1) ist die Welt an sich. Von ihr wissen wir nur insoweit etwas, als sie sich in bestimmten Situationen unserem Denken, Sprechen und Handeln widersetzt. Im Grunde genommen wissen wir von dieser Welt an sich, an sich wenig. Die Welt unserer Beobachtungen, Erfahrungen, Erklärungen ist die zweite Welt (W 2), die wir oft als die „wahre Welt“ bezeichnen oder die uns im Alltag dazu verhilft unumstößliche Vereinbarungen zu treffen. Es ist die Welt unseres vereinbarten Wissens. Dann gibt es die Sinnwelt  (W 3), sie umfasst alle universellen Erklärungssysteme eines Menschen über sich selbst, seine Geschichte, seine Welt, seine Erfahrungen. Zwischen diesen Welten gibt es Relationen. Ist die W 2 fit, dann gibt es wenig Widerstand in W 1. Zwischen W 2 und W3 gibt es manchmal Übereinstimmungen. Wenn nicht, dann Irritationen und Gewissheiten bis hin zur Willkür und Gewalt.

Gewissheit ist die Eigenschaft einer Erkenntnis, nicht sinnvoll bezweifelt werden zu können. Was „sinnvoll“ bedeutet, entscheidet der Erkennende. Gegen Gewissheiten und Vorurteile ist ein dialektischer Prozess nahezu unmöglich. Voraussetzung für die angewandte Dialektik ist die Fähigkeit, sich in „fremden Denk-Welten“ (Wirklichkeiten) zurechtzufinden, ohne sie jedoch zu verneinen oder für sich selbst als gültig anzusehen. Dieses Zurechtfinden wird durch die Begriffs-Definitionen möglich.

Einfach definieren.