Früher musste man die richtigen Antworten wissen – möglichst schnell, möglichst präzise. Heute muss man die richtigen Fragen stellen können. Fragen öffnen. Antworten schließen. Freiheit im Denken und Sprechen wird durch Fragen real. Nur das lehrt uns keiner, nicht zu Hause, nicht in der Schule, nicht im Studium und bei der Arbeit auch nicht.

So bald wir beginnen zu sprechen, meinen wir, wir könnten auch sprechen. Über unsere kindlichen, sehr kreativen Sprechvarianten lachen die Erwachsenen (mindestens finden manche es niedlich), ernst genommen wird es jedoch nicht. Ernst genommen wird dann das nachgeäffte! „Erwachsensprechen“. Fragen? Fragen schon gar nicht. Erst durch die „Sesamstrasse“ wurde es durch die gesungenen Textzeile:„Wer nicht fragt bleibt dumm…“ etwas populärer – aber ernst genommen? Weit gefehlt! So verkümmert unser lebendiges, kreatives Sprechen zu einem Brei ewig gleichem Sprechen. Unsere Erziehung- und Bildungssysteme führen eher zur Einheitlichkeit als zur Einzigartigkeit. Erziehung zur Einheitlichkeit führt eher zum Nachahmen und Wiederholen als zum Fortschritt.  „Alles in Butter“? Kopieren reicht doch anscheinend aus? Kommunizieren kann also jeder.  – Auch der Einfältige. – Auch der Taubstumme.

Warum also den Umgang mit Mensch und Wort im Sinne einer menschlichen Kommunikation lehren? Kommunikation ist ja, wenn man trotzdem verstanden wird. Und so wendet man sich, wenn man dann mal, meist aus beruflichen Gründen, „vor Augen geführt bekommt“, dass das mit dem Sprechen doch nicht so ist, wie man glaubt, der Trivialrhetorik zu. Trivialrhetorik ist die Sammelbezeichnung für alle Kommunikationsseminare mit den phantastischen Versprechungen, was alles so in einem oder zwei Tagen erreicht werden kann, die üblicherweise firmenintern oder extern angeboten werden. Das alles führt aber immer tiefer in das Deutungslabyrinth der alltäglichen Kommunikation, tief in das Vabanquespiel des Verstehens.

Will man wirklich mit anderen kommunizieren, sich verständigen, will man wirklich menschliche Kommunikation, dann geht es um mehr: Es geht um den sinnvollen Umgang mit Mensch und Wort. Soll das gelingen, dann befinden wir uns im Reich des Denkens und Sprechens. Hier ist Intelligenz gefragt, nicht Intellektualität, nicht Verstand. Sprechen hat mit Denken zu tun. Denken ist Bewegung. Bewegung ist immer im Spiel.  Sprechen ist also kein Wiederholen von Erlerntem, sondern immer ein neues Arrangement von Kenntnissen. Sprechen ist ein kreativer Prozess. Je mehr sich das persönliche Umfeld ausdehnt, um so mehr müssen wir uns verständlich machen. Müssen in der Lage sein, die eigenen Gedanken, Ideen, Pläne, Meinungen anderen verständlich zu machen, sie dafür zu begeistern. Der Alltag zeigt: Für gemeinsames menschliches Wirken ist es unumgänglich.

Sprechen und Sprache wird zum sichtbaren Ausdruck der individuellen Persönlichkeit.

Die individuelle Kraft des Geistes, die geistige Beweglichkeit, die Intelligenz wird für sich selbst und andere erkennbar. Gemeinschaftliches Leben und Arbeiten wird möglich. Die Fähigkeit eines Menschen, das Richtige im richtigen Moment zu tun, das Falsche als falsch zu erkennen, wird real. Dialektik hilft uns diese Fähigkeiten konstant zu halten und zu Fertigkeiten werden zu lassen. Künstlerische, kaufmännische, technische, handwerkliche, hausfrauliche, menschliche Fertigkeiten – eben alle. Sowohl sie übliche Umgangssprache als auch so genannte Kommunikationsseminare oder andere Seminare der Trivialrhetorik helfen uns da wenig. Denn sie fordern eher zum Imitieren, denn sich im Denken und Fragen zu üben, um im Leben etwas bewegen zu können. Warum Dialektik? Warum Führungs- und Verhandlungstraining?

Dialektik ist die Lehre der Kunst des Dazwischenblickens und des Durchdringens von Phänomenen durch Erkennen und Verstehen. Kunst verstanden im Sinne von Können. Sie bezieht sich zuerst ganz konkret auf das alltägliche Leben und Arbeiten, dann um die Unterscheidung der Begriffe, um das Verstehen zu erleichtern. Dialektik ist die Kunst der Gesprächsführung, bei der man Überzeugungen auf andere übertragen und Konflikte und kommunikative Probleme lösen kann. Aufgabe, Zweck, Wesen und höchstes Ziel der dialektischen Gesprächsführung ist es, zu einem gemeinsamen Erkenntniszuwachs zu kommen. Also: fragen, fragen, fragen (jedoch nie suggestiv oder fahrlässig), Definitionen bieten und erfragen. So klappt es mit dem Erkenntniszuwachs. Dialektische Gespräche sind kein Gegenüberstellen von Behauptung und Meinung, sondern immer ein Spiel von Frage und Antwort (dabei alles sagen, was zum Verständnis des Inhalts benötigt wird).

Fragen Sie, wenn Sie nicht verstehen. Fragen Sie, wenn etwas problematisch oder „fragwürdig“ erscheint. Fragen Sie immer ehrlich und aufrichtig, aber verwenden Sie keine „Fragetechnik“ als eine Form der überlegenen, taktischen Gesprächsleitung, als „Waffe der Überlegenheit“. Konkret sollte die Frage schon sein, wenn auch nicht immer direkt. Besser als eine direkte Frage ist die Vergewisserung beim Partner durch die zusammenfassende Darstellung des bis zu diesem Zeitpunkt Verstandenen:

„Sie sagten…“, „Sie behaupteten…“, „Sie meinten…“,  „Sie vermuteten …“ oder  „Habe ich Sie recht verstanden, dass“

Stellen Sie nie Fragen, mit deren Antworten Sie voraussichtlich nicht einverstanden sind. Beispiel: „Was glauben Sie, sollte man Ihrer Meinung nach, tun? – Sie selbst haben aber schon eine bestimmte Vorstellung. Das führt nur zum Streit der häufig nur sehr unfriedlich beigelegt werden kann und oft Sieger und Besiegten kennt. Richtige Frage im richtigen Moment zu stellen ist eine Frage der geistigen Kraft und Beweglichkeit und man kann es üben.