Sich durchsetzen oder nachgeben – diese Frage stellt sich jedem von uns täglich. Und es gibt keine Antwort darauf. Schon haben wir einen Konflikt oder stehen davor oder sind mittendrin. Konflikte gibt es immer und überall im Leben. Leben ohne Konflikte gibt es nicht. Also greift diese Frage eben auch ins volle Menschenleben: Beziehungen, Konflikte, Streitigkeiten, Verhandlungen…  Was veranlasst einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen, andere beherrschen zu wollen? Was bestimmt den anderen, dass er nachgibt? Wodurch werden die beteiligten Parteien veranlasst, auf ihrem Stadtpunkt unnachgiebigen zu beharren? Warum ergreift der Besonnene, getrieben von einer kaum für möglich gehaltenen inneren Kraft, sehr entschlossen Partei, die ihn zum ebenso erstaunlichen Sieg führt? Warum gibt jemand selbst gegen seine innerste Überzeugung nach, ohne recht zu wissen warum? Warum bleibt ein anderer in einer lähmenden und angstvollen Ratlosigkeit stecken, anstatt die notwendige Entscheidung zu treffen?

Bei der Suche nach Antworten erkennt man rasch, dass bei der Beantwortung der Frage „Sich durchsetzen oder nachgeben“ die Erziehung eine ungeheuere Rolle spielt. Auf jeder Altersstufe. An jedem Ort. In jeder Gemeinschaft. Die starken und die schwachen Reaktionen, die man sich in der Kindheit angewöhnt hat, haben die Tendenz, sich durch das ganze Leben hindurch zu wiederholen.

So greift diese Frage in alle menschlichen Beziehungen hinein. Unabhängig davon, ob es sich um den Heranwachsenden handelt, der versucht von seinen Eltern die Zustimmung für längeres Fortbleiben am Abend zu erzwingen, oder um Diplomaten, der über Krieg und Frieden entscheiden; Kaufleute, die sich bessere Vorteile sichern wollen; einen Bauer, der seinen Ertrag nach den erhofften Subventionen ausrichtet; oder Theologen, die über dogmatische Fragen diskutieren… Nie ist die Ursache eines Konfliktes, die die Frage entstehen lässt, belanglos. Es gibt kein Wichtiger oder weniger Wichtiger. Für jeden Menschen ist die Ursache von gleichgewichtiger Bedeutung. Und jeder Standpunkt hat die gleiche, wertfreie Berechtigung.

Nicht immer sind es die Stärksten, die im Konflikt siegen, nicht immer jene, deren Argumente vernünftiger sind. Gerade Schwache bellen lauter, können es sich nicht leisten, ihre Position aufzugeben, selbst gegen alle Vernunft und Einsicht. Sie können es oft nicht ertragen, besiegt zu werden. Dagegen erlaubt sich der wirklich Starke schon einmal den Luxus, mit Würde zurückzutreten, denn er hat ja den Sieg nicht nötig, um sein Ansehen zu festigen. Der Alltag ist voll falscher Verständnisse der einen Haltung bis hin zur Verzweiflung durch die andere Haltung.

Obwohl diese Frage uns so sehr beschäftigt, betrifft und oft genug betroffen macht, obwohl sie so elementar zu unserem alltäglichen Leben gehört, ist deren Beantwortung an sich unmöglich. Denn es gibt Situationen, in denen es besser ist nachzugeben und es gibt Situationen, in denen es besser ist sich durchzusetzen (beziehungsweise das, was man zu sagen hat). Für alles gibt es eine Zeit. Wer z.B. immer wieder nachgibt, wer nicht irgendwann einmal „die Stirn geboten“ hat, der muss immer wieder nachgeben, obwohl er das längst nicht mehr will oder gar braucht. Sein eigenes Verhalten hat ihn dazu gezwungen. Wer nicht rechtzeitig einen Versuch zur Versöhnung zeigt, der ist oft genötigt, sich immer mehr zu versteifen, selbst gegen seine eigene innere Überzeugung. Eigentlich muss die Frage, wenn man in Konflikten optimal agieren will, so lauten: „Gebe ich nach oder setze ich mich durch – und welche Konsequenzen in dem einen oder anderen Fall bin ich bereit, für mich gelten zu lassen?“ Denn ganz gleich, wie wir uns entscheiden, alles was wir tun fällt auch wieder auf uns zurück. Es ist also nicht die Frage des ENTWEDER/ODER, sondern es ist ENTSCHEIDUNG und AKZEPTANZ.

Was bei allen Konflikte bedrückt ist oft nicht der Konflikt an sich, sondern viel mehr das Gefühl, unterlegen zu sein. Unterlegenheit wird fast immer als Gewalt empfunden. Unterlegenheit bricht sich irgendwann Bahn, unberechenbar, unvorhersehbar, ungelegen  – und wird so zu einem teuflischen Kreislauf der Rache.

Bei Friedrich Schiller heißt es: „Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittere nicht.“

So ist es. Was immer wir tun, wollen oder machen, immer muss uns die Freiheit des anderen genau so viel bedeuten wie die eigene.