Fühle ich was ich empfinde oder empfinde ich was ich fühle? –
Ein Plädoyer für das Erleben der eigenen Gefühle, auch der negativen – Teil 2

Teil 1 „Selbstgefühl – Selbstvertrauen“ endete mit dem Gedanken: „Denken und Handeln kann nicht von der Allgegenwärtigkeit unserer Gefühle befreit werden.“

Und so bestehen (leider) oftmals auch negative emotionale Beziehungen viele Jahre hindurch, z.B. Menschen, die sich hassen und diesen Hass ein Leben lang in sich tragen – und trotzdem beieinander leben. Irgendwann bricht es aus, mal gewaltig eruptiv, mal langsam und stetig, jeden Tag, jede Nacht. Der Krieg ist das brutalste, manche Ehe, manche Gemeinschaft, das wohl gewöhnlichste Beispiel.

Das kann am Beispiel von Ängsten am besten verdeutlicht werden. Angst ist das stärkste negative Gefühl in der menschlichen Persönlichkeit.  Der einzelne Mensch verbindet mit ihr ein Gefühl ständigen Besorgtseins um den Verlust oder die Beeinträchtigung seiner Existenz. Dieses Besorgtsein engt die Denk- und Verhaltensweisen des Menschen ein. Das lateinischen Ursprungswort „angustus“ – gleichbedeutend wie eng, schmal – belegt hinreichend die einengende Wirkung der Angst. In vielen Menschen lähmt die Angst gar Spontaneität und Kreativität. So werden diese Menschen in ihrer Lebensgestaltung blockiert, wirken kraftlos und gehemmt.

Oft signalisiert Angst einen Konflikt in der Persönlichkeit. Die Versagensangst vieler Führender etwa weist deutlich darauf hin. Wer sich nahezu ganz durch Leistung definiert, wird es schwer haben, sich zu akzeptieren, wenn er einmal nicht mehr leistungsfähig ist oder nicht mehr leisten kann/darf. So ist es für jeden Menschen wesentlich, sich seiner Versagensangst bewusst zu werden und seine Begrenztheit zu begreifen.

Aber auch so taucht die Angst vor Zuwendungsentzug im privaten wie im beruflichen Leben auf. Unverhofft und oft. Bei ihr geht es um die Sorge, von seiner Umgebung nicht akzeptiert werden zu können. Wer als Kind häufiger durch Zuwendungs-entzug bestraft wurde, der findet lange keinen Zugang zu sich. Oder anders ausgedrückt: Seine Selbstakzeptanz hängt elementar von der Anerkennung durch die Außenwelt ab. (Mitarbeiterbeurteilungen in Firmen. „Der Trainer hat mir wieder Selbstvertrauen gegeben“.) Widersprüche in sich. Die Tiefenpsychologie nennt einen solchen Menschen eine „fremdgesteuerte Persönlichkeit“.

Seine Lebensmaxime lautet vorerst: Ich mag mich, wenn und weil mich andere Menschen mögen. Wer will das nicht, von anderen gemocht, gar geliebt zu werden? Erstrebenswert ist aber die psychische Einstellung zu sich selbst, die da heißt: Ich mag mich, weil es mich gibt, weil ich existiere. Auch in vielen Partnerbeziehungen finden wir die Angst vor Zuwendungsentzug als schattenhaftes Phänomen – als das „Phantom der Ehe“. Die Angst davor, zeitweise mit sich allein sein zu müssen, entwickelt im einen oder anderen Partner ein Klammerverhalten, das nur zu oft mit „Liebe“ garniert, apostrophiert, verwechselt wird. Liebe klammert oder knebelt jedoch nicht, vielmehr wünscht sie sich das Wachsen der Persönlichkeit des anderen. Deshalb kann sie loslassen.

Angst und Liebe aber passen nicht zueinander. Zwar gibt es eine Fürsorge, die sich aus Liebe um den anderen müht. Die neurotische Partnerbeziehung allerdings leidet unter der vorrangigen Sorge um das eigene Dasein, das eigene Wohlbefinden, die eigene Bequemlichkeit. Oft hört man den Satz: „Und was wird dann aus mir?“ Die Angst vor dem Leben charakterisiert den depressiven Menschen. Depressive Erscheinungsformen gehen häufig mit dem Verlust des Urvertrauens einher. Urvertrauen meint ein Gefühl tiefer Geborgenheit in sich selbst und zum Leben.